Familienchronik
erstellt von Bruno Wöhl
Vorbemerkungen:
Die Namen und Daten in der Ahnenliste entstammen beglaubigten Urkunden, die für die Linie Wöhl/Hinrichs von Richard Wöhl (4.1) und für die Linie Rüchel/Stöckmann von Gerhard Stöckmann, dem Bruder von Bertha (4.4), beschafft wurden, weil sie in der Nazizeit für ihre Weiterbeschäftigung im Öffentlichen Dienst den Nachweis der arischen Abstammung erbringen mussten.
Die nachstehenden Ausführungen
über das Leben und Wirken der Ahnen wurden von Bruno (5.1) nach Erzählungen
seiner Eltern und Großeltern sowie der Oma Bertha (4.4) aufgeschrieben.
Für die Richtigkeit und objektive Darstellung kann keine Gewähr
übernommen werden. Überlieferungen über mehrere Generationen
sind zumeist geschönt oder auch geschwärzt, aber andere haben
wir leider nicht.
Es sind die Urururgroßeltern von Kai, Rita und Jan Wöhl, den Kindern von Bruno (5.1) und Annemarie (5.2) Wöhl:
| Ahnennummer 1.1 und 1.2 | Wöhl, Hans Christopher | Seestädt, Catharina Dorothea |
| geboren: | 02.09.1782 in Grambow (Mecklenburg) | 18.02.1784 in Grambow |
| gestorben: | ? | ? |
| Beruf: | Tagelöhner | |
| Heirat am | 07.07.1809 | |
| Ahnennummer 1.3 und 1.4 | Vitense, Johann Heinrich | Vietense, Catharina Elisabeth Magdalena |
| geboren: | 12.04.1794 in Grambow (Mecklenburg) | 17.03.1798 in Grambow |
| gestorben: | ? | ? |
| Beruf: | Einlieger | |
| Heirat am | 28.10.1818 | |
| Ahnennummer 1.5 und 1.6 | Kähler, Franz Heinrich Friedrich Wilhelm | Voss, Katharina Greth |
| geboren: | 17.12.1788 Groß Brütz (Mecklenburg) | 08.02.1788 Rehna (Meckl.) |
| gestorben: | ? | ? |
| Beruf: | Kuhhirte | |
| Heirat am | ? | |
| Ahnennummer 1.7 und 1.8 | Frentz, Franz Carl | Müller, Dorothea Sophia Maria |
| geboren: | 20.08.1798 | 14.12.1800 |
| gestorben: | ? | ? |
| Beruf: | Hofknecht | |
| Heirat am | 16.08.1821 | |
| Ahnennummer 1.9 und 1.10 | unbekannt | unbekannt |
| geboren: | ||
| gestorben: | ||
| Beruf: | ||
| Heirat am | ||
| Ahnennummer 1.11 und 1.12 | Ahrend, Erdmann | Brahn, Christina |
| geboren: | ||
| gestorben: | ||
| Beruf: | Arbeitsmann | |
| Heirat am | ||
| Ahnennummer 1.13 und 1.14 | Fastenau, Johann Wilhelm | Fuse, Johanne Christiane Eleonore |
| geboren: | 17.02.1795 Oldershausen (Hannover) | 229.01.1798 Oldershausen |
| gestorben: | 01.07.1868 Oldershausen | 04.05.1871 Oldershausen |
| Beruf: | Schuster | |
| Heirat am | 28.10.1819 | |
| Ahnennummer 1.15 und 1.16 | unbekannt | Albrecht, Marie |
| geboren: | ? Findelkind in Mölln (Lauenburg) | |
| gestorben: | ? | |
| Beruf: | Wäscherin | |
| Heirat am | ||
Hans verbringt sein Leben wie seine Vorfahren in Grambow in Mecklenburg (westlich von Schwerin) aus dem Gutshof in der Landwirtschaft sowie mit dem Stechen und Backen von Torf im großen Grambower Moor. Der Name ,Wöhl‘ hängt wahrscheinlich mit dem "Wöhlen"(plattdeutsch) im Moor zusammen, wenngleich Namensforscher ihn auch auf das slawische "Woitila" zurückführen. Immerhin heißt Papst Johannes Paul so, doch allein in Grambow gab es 14 Familien mit dem Namen Wöhl, die nicht miteinander verwandt waren.
Für die Nachfahren, die die Torfgewinnung nicht mehr kennen, sei erläutert, dass man die oberen Moorschichten quaderförmig als Stechtorf abbaute, während man die tieferen Schichten unter schwerer körperlicher Anstrengung zum Torfbacken ausgrub, so dass tiefe Torfkuhlen entstanden. Fiel man hinein, hatte man allein kaum eine Chance, wieder herauszukommen. Die ausgegrabene schwarze Masse wurde — erforderlichenfalls unter Zugabe von Wasser - mit den Füßen oder mit Hilfe von Pferden zu einem dicken Brei gestampft, den man in Formen füllte und zum Trocknen auslegte. Nach dem Antrocknen konnte man die Form abnehmen und den Torf ,aufringeln‘, d.h. man baute davon luftige Pyramiden. Allerdings konnte ein kräftiger Regen alles wieder einschlämmen, und man musste von neuem beginnen.. Der gebackene Torf hat mehr Heizkraft als der Stechtorf. Immerhin ist der Torf zu dieser Zeit der wichtigste Hausbrand in Mecklenburg. Kohle gibt es dort nicht, und die Wälder schrumpfen schon und liefern nicht mehr genügend Brennholz. Der Straßenverkehr besteht in der Hauptsache aus Torfwagen. überliefert ist die Warnung an die Kinder: ,,Jung, kam nich ünner de Torfwagen!".
Die schwere landwirtschaftliche Arbeit ohne Maschinen und das Torfbacken lassen kräftige Gestalten heranwachsen. Diese Kraft strahlt auch auf die Geisteshaltung der Wöhls aus. Kein Wunder, dass sie sich gegen die Ausbeutung durch den Adel auflehnen. Hans Wöhl ist nämlich noch "leibeigener" Tagelöhner auf dem Grambower Gut. Im Kirchenbuch des zuständigen Kirchspiele Groß Brütz ist als Schandmal der Wöhl für alle Zeiten festgehalten, dass Hans eine Prügelstrafe wegen revolutionärer Reden in einer Grambower Torfgrube erhalten hat. Das ziemt sich für einen "untertänigen Kuhhirten", wie dort steht, eben nicht.
Mit 27 Jahren heiratet Hans Wöhl die auch in Grambow beheimatete, 2 Jahre jüngere Catharina Seestädt und lebt mit ihr wohl wie die Väter in einer Torfkate am Rande des Grambower Moors, etwa 15 km westlich von Schwerin. Sie haben angeblich zahlreiche Kinder, unter denen der 1812 geborene Friedrich Wöhl (2.1) der nächste in unserer Ahnenreihe ist. Opa Wilhelm Wöhl (3.1) erinnert sich noch an diesen kraftvollen Menschen und besonders an seine riesigen Fäuste.
Es folgt ein Bild vom Torfbacken, das natürlich jüngeren Datums ist, ferner ein Ausschnitt aus der Landkarte mit dem Heimatort der Wöhl. Wir finden darauf auch Groß Brütz, das bei späteren Ahnen eine wichtige Rolle spielt.
1.3 Johann Vitense und Catharina Vietense (1.4)
Johann wird am 12.04.1794. in Grambow in Mecklenburg geboren. Sein Enkel, Opa Wilhelm Wöhl (3.1) erinnert mich nur noch daran, dass sein Großvater auch im Moor gearbeitet hat, aber außerdem noch eine kleine Landwirtschaft hatte. Er ist deshalb als "Einlieger" registriert. Trotzdem ist er vom Wohlwollen des Gutsbesitzers abhängig und muss Produkte an diesen abliefern. Mit 24 heiratet Johann die 2Ojährige Catharina Vietense, ebenfalls aus Grambow. Wie die etwas andere Schreibweise des Namens andeutet, ist sie nicht mit ihm verwandt. Auch sie haben nach Opa Wilhelms (3.1) Erinnerung viele Kinder. Die 1822 geborene Maria wird als spätere Frau von Friedrich Wöhl (2.1) Opa Wilhelms Mutter.
Da nichts Nachteiliges über Johann und Catharina im Kirchenbuch steht, haben sie wohl als brav zu gelten. Wir können daher zu Oma Riekes (3.2) Vorfahren übergehen.
1.5 Franz Kähler und Katharina Voss (1.6)
Franz, geb. 17.12.1788, wird Kuhhirte
auf dem Gutshof in Groß Brütz, 11 km westlich von Schwerin.
Franz holt sich seine Katharina aus der etwa 20 km entfernten Stadt Rehna.
Oma Rieke (3.2) sagt, da waren viele Kinder, und das musste auch so sein,
denn der Gutsbesitzer verlangt, dass ständig ein "Hofgänger"
gestellt wird. Das jeweils älteste Kind muss unentgeltlich auf dem
Hof arbeiten. Wenn kein Kind mehr da ist, muss der Tagelöhner auf
seine Kosten ein Nachbarskind für die Dienste am Hof engagieren. Dafür
darf er mit seiner Familie in einer armseligen Lehmkate wohnen, die zum
Gut gehört. Für die Arbeit gibt es als ,Debutat‘ eine gewisse
Menge landwirtschaftlicher Erzeugnisse, gerade so viel, dass die Tagelöhnerfamilien
davon schlecht und recht leben können. Geld gibt es entweder gar nicht
oder einmal jährlich im Herbst. Man geht damit auf den Herbstmarkt
in die Stadt und kauft sich ein Paar Stiefel, oder was man sonst nötig
hat. Zu größeren Einkäufen reicht es nicht. Doch in der
Regel kann man sich selbst ein Schwein halten, vielleicht auch eine Ziege,
seltener eine Kuh. Der Gutsherr hat auch bei der Heirat entscheidend mitzureden
und soll auch das Recht der ersten Nacht gehabt haben. Mit Listen verdarb
man ihm gewöhnlich diese Freude. Franz und Katharinas Sohn Christian
(2.3), der sogenannte ,,Botter-Köhler", wird Oma Riekes (3.2) Vater
werden.
1.7 Franz Frentz und Dorothea Müller (1.8)
Franz wird 1798 geboren. Wie Franz Kähler arbeitet er später als Hofknecht auf dem Groß Brützer Gut. 25jährig heiratet er die zwei Jahre jüngere Dorothea Müller, ebenfalls aus Groß Brütz. Oma Rieke (3.3) weiß nichts besonderes über die beiden zu berichten. Wichtig ist für unsere Ahnenreihe, dass beider Tochter Maria (2.4) später die Frau von ,Botter-Köhler" (2.5) wird. Oma Rieke schildert sie alle als große, kräftige und auch charakterlich aufrechte Menschen. In der Wöhl/Kähler-Linie haben alle blaue Augen, während die Hinrichs/Bertramsche Linie braunäugig und relativ klein ist. Werfen wir anschließend einen Blick auf die Hinrichs und Bertrams:
1.9 ..... Hinrichs unbekannt .....(1,10)
Opa Christian Hinrichs (3.3) kann seinem Enkel Bruno (5.1) nichts von seinen Großeltern väterlicherseits erzählen, nicht einmal die Namen, denn er leidet an schwerer Arterienverkalkung. Oma Wiesche (3.4), seine Frau, ergründet es auch nicht, sagt aber:
"Dar wiern Tatern mang" (Dort waren Tartaren zwischen). Nach Christians Bild könnte an der Behauptung etwas dran sein.
1 .11 Erdmann Ahrendt und Christina Brahn (1.12)
Von Opa Christians (5.3) Großeltern mütterlicherseits wissen wir wenigstens die Namen, und dass Erdmann Arbeitsmann ist. Es ist wahrscheinlich, dass beide in Neu Brenz in der sandigen Gegend Südmecklenburgs westlich von Parchim leben, denn Christians Mutter Elisabeth Ahrendt (2.10) kommt dort zur Welt.
1.13 Johann Fastenau und Johanne Fuse (1.14)
Sie bilden den Ursprung der Bertram-Linie.
Der 1795 geborene Johann stammt
aus Oldershausen im Hannoverschen. Es ist ein Handwerkergeschlecht. Johann
ist Schuhmacher. Mit 24 heiratet er die 21jährige Johanne Fuse, ebenfalls
aus 0ldershausen. Beider Sohn Philipp (2.7) erlernt auch das Schuhmacherhandwerk.
Auf seiner Wanderschaft wird er zu Meister Bertram in Schwerin kommen und
von diesem adoptiert. So wird aus dem Fastenau ein Bertram, allerdings
erst in der Folgegeneration. Bei 2.7 kommen wir auf die verworrene Geschichte
zurück. Johann
und Johanne bleiben jedoch in Oldershausen zurück und werden über
70 Jahre alt.
1.15 unbekannt und Maria Albrecht. (1.16)
Oma Wiesche (3.4) wird ihren Großvater mütterlicherseits nie kennenlernen. Ihre Mutter ist unehelich, und Großmutter Marie Albrecht gibt den Vater ihres Kindes nicht an. So bleibt das große Geheimnis dieser Linie ungelüftet. Aber Luise erinnert sich an ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit ihrer Großmutter
Marie: ,,Grootmudder, wann is se geburn?‘
,Vierteiden Daag vör Pingsen in Mölln in Dänsch upp‘n Ekser Hoff, as abends noch Licht brennt wür.‘
Genauer weiß es Marie nicht. Aber die Stadt Mölln in Lauenburg gehört zu dieser Zeit tatsächlich zu Dänemark, dem die nördlichen Herzogtümer "up ewig ungedeelt" verbunden sind. Nach den Akten der Heilanstalt für geistesschwache Kinder auf dem Lewenberg bei Schwerin wird Marie dort als kleines Findelkind aufgenommen, wächst dort auf und wird schließlich Waschmädchen in der Anstalt. Ihr genauer Name ist unbekannt. In den Akten führt sie den Namen Ahrends nach ihren ersten Pflegeeltern, die sie einliefern. Das aber muss falsch sein, weil Marie, die möglicherweise auch gar nicht Marie heißt, von den Ahrends nicht adoptiert wurde. Maries ältere Schwester, die den anschaulichen Namen ,,Lottuhl" führt, ist auch Waschmädchen auf Lewenberg. Sie sagt, sie heiße Lindemann, aber Marie habe einen anderen Namen, welchen wisse sie jedoch nicht. Man schließt daraus, dass Lottuhl unehelich sein könnte, aber Marie nicht. Sie könnte Albrecht heißen. Erwiesen ist dies jedoch nicht.
Eine Heiratsmöglichkeit findet
sich für die geistig etwas ,minderbemittelte‘ Marie nicht. Am 9.5.1836
bekommt sie ein uneheliches Kind, das sie Maria nennt (2.8). Den Vater
gibt sie nicht an. Mutter (1.16) und Tochter (2.8) führen ihr Leben
lang den sicher nicht richtigen Namen Lindemann. Erst durch die Heirat
mit dem Schuster Philipp Fastenau (2.7) kommt Ordnung in die Namensgeschichte,
denn er wird durch Adoption zum Bertram und sie damit zu Frau Bertram.
Nun zur Linie Rüchel/Stöckmann.
Annemaries (5.2) Ururgroßeltern väterlicherseits sind leider nicht in den Registern zu finden. Man weiß nur, dass sie in Westdievenow in Pommern an der Ostsee ansässig sind und den Fischerberuf ausüben.
1.17 ...... Rüchel. und
.......... (1.18) unbekannt
1.19 ...... Krüger und
.......... (1.20) unbekannt
1.21 ...... Schmiedeberg und ...........
(1.22) unbekannt
1.23 ...... Krüger und
........... (1.24) unbekannt
Westdievenow liegt am Ostausgang des Stettiner Haffs. Da die Polen andere Ortsbezeichnungen eingeführt haben, sei klargestellt:
In der Odermündung liegen die beiden Inseln Usedom (westlich) und Wollin (östlich). Dadurch entstehen die drei Mündungsarme Peene, Swine und Dievenow, in der Reihenfolge von West nach Ost genannt. West-Dievonow, die Heimat der Rüchels, liegt auf der Ostseite der Insel Wollin, Ost-Dievenow dagegen auf dem Festland. Feststeht, dass die drei oben genannten Familien Rüchel, Schmiedeberg und Krüger seit Generationen in West—Dievenow als Fischer ansässig sind. Wie Oma Bertha (4.4) erzählt, sind sie alle äußerst rechtschaffene Leute, ehrlich, doch sehr auf das Geld bedacht, aber nicht sonderlich exakt. Sie sind lustig und humorvoll, neigen aber nicht dem Trinken zu. Wie den meisten Fischern eigen ist, sind sie zuweilen extrem jähzornig. Sie haben stechende Augen mit viel Weiß. Ihre Körperstruktur ist kernig kraftvoll, was auch die Voraussetzung für den Fischerberuf ist.
1.25 Jürgen Stökmann und Maria Meier (1.26)
Vielleicht stimmt es, vielleicht ist es aber auch nur eine Legende:
Vier Schweden in Seenot retten sich — auf einer Eisscholle treibend — an die Pommersche Küste, wann, weiß keiner. Sie heißen Stökmann, Moldenhauer und Meier; der vierte heißt auch Meier, ist aber mit dem anderen nicht verwandt. Am Salesker Strand gründen sie eine Siedlung und heiraten Frauen aus den umliegenden, landeinwärts liegenden Dörfern. Im Laufe einiger Generationen sind alle miteinander verschwägert. Der älteste Nachkomme des angeblichen Schweden ist laut Salesker Kirchenbuch Jürgen Stökmann, der am 4.März 1786 seinen Eltern Michael und Marie Stökmann, geborene Stökmann, als Annemaries Urahn der Stöckmann—Linie geboren wird. Er ist nicht abhängig wie die Wöhlschen Tagelöhner, sondern hat als Büdner ein Strohdachhaus, das schon viel weiter landeinwärts steht als die erste Schwedenansiedlung. Das starke Wandern der Dünen drängt die Strandbewohner immer weiter landeinwärts, aber das Hinterland ist hier sehr morastig, bewaldet und unwegsam, eine typische Niedermoorlandschaft, in der wohl Maler schöne Motive finden, aber, wer hier leben will, hat es sehr schwer. Die Naturgewalt ist unerbittlich. Oft steht das Land lange Zeit unter Wasser. Darum fahren die meisten Strandbewohner auch fischen, was jedoch auch nicht leicht ist. Man sagt etwas pathetisch, dass hier nur das starke ,Schwedengeschlecht‘ bestehen könne.
Mit 23 Jahren heiratet Jürgen Stökmann die 25jährige Maria Meier, dessen Eltern auch, wie der Name Meier schon erkennen lässt, von den angeblichen Schwedeneinwanderen abstammen sollen. Üblich sind hier Häuser mit Strohdach bis zum Boden herab, damit sie gegen die stürmische Witterung nicht so anfällig sind. Drinnen ist nur ein Raum mit einer Feuerstelle in der Mitte und einem Loch im Dach als Rauchabzug. In guten Zeiten hängen darunter Würste und Schinken zum Räuchern.
1814 wird der Sohn George (2.13) geboren, der später das Erbe der Väter übernimmt und die gleichaltrige Christine Meyer (2.14) heiratet. Vater Jürgen wird immerhin 73 und Maria sogar 85 Jahre.
1.27 Martin Meyer und Maria Stökmann (1.28)
Wieder sind es die alten Namen, die sich in Saleskerstrand durch die Jahrhunderte ständig wiederholen. Neu ist bei Martin Meyer, dass er sich ganz auf die Fischerei wirft und es bis zum Großfischer bringt. Die Landwirtschaft bringt hier allzu geringe Erträge.
Die Ahnenreihe wird durch beider Tochter
Christine (2.14) fortgesetzt, die den Büdner George Stoeckmann (2.13)
heiraten
wird. Christines Mutter Maria stirbt schon mit 53, während
Martin es auf 75 Jahre bringt.
1.29 Stephan Treptow und Lise Hoeckendorf (1.30)
Namen auf -ow wie Treptow deuten auf wendischen Einschlag.
Man findet ihn schon etwas weiter landeinwärts in Saleske, dem Kirchdorf. Hier sind die Treptows als Büdner ansässig. Stephans Geburtsjahr ist 1799. Seine Eltern sind Hans Treptow und Dorothea Bodke. Schon in Saleske sind die Bedingungen für die Landwirtschaft viel günstiger. So vererbt sich die väterliche Büdnerstelle weiter. Lise Hoeckendorf ist erst 18, als der immerhin schon 26jährige um ihre Hand anhält. Lises Eltern sind Michael und Trin Hoeckendorf, auch schon aus Saleske. Stephan und Lise setzen die landwirtschaftliche Tradition fort, und auch ihr 1831 geborener Sohn Albert (2.15) tut das. Die Alten sterben beide 1868. Fortan ist Albertine Scheunemann (2.16) als Sohn Alberts Frau Bäurin auf dem Anwesen, genauer ,Büdnerin‘.
1.31 Daniel Scheunemann und Johanna Lemm (1.32)
Die Scheunemanns sind Landwirte aus der Pustaminer Ecke, einige km vom Strand entfernt, wo man schon bessere Erträge erwirtschaften kann. Der um 1800 geborene Daniel existiert für die Kirche nicht; keiner weiß, ob aus Versehen oder durch Ungnade. Da es um diese Zeit noch keine Standesämter gibt, erfahren wir Daniels Geburtsdatum nicht. Jedoch ist beurkundet, dass er die 21jährige Tochter Johanna der Eheleute Gottfried und Gottliebe Lemm aus Pustamin heiratet. Daniel und Johanna wird 7 Jahre später eine Tochter namens Albertine (2.16) geboren, die die Frau von Albert Treptow (2.15) werden wird.
Mehr wissen wir über diese Urururgroßelterngeneration
von Kai, Rita und Jan Wöhl nicht. Aber dafür, dass dies alles
schon etwa 200 Jahre her ist, erscheint es als eine ganze Menge. Wir wollen
uns nun der nächsten Generation, die so um 1820 geboren ist, zuwenden.
Für Kai, Rita und Jan sind es die Ururgroßeltern. Der Schreiber
Bruno (5.1)
hat auch diese und die nächstfolgende Generation
nicht mehr kennengelernt und ist darum darauf angewiesen, weiterhin nach
Hörensagen zu berichten.
Die Ururgroßeltern von Kai, Rita und Jan Wöhl
2.1 Friedrich Wöhl und Maria Vitense (2.2)
Friedrich Wöhl, 1812 geboren, ist — wie unter 1.1 erwähnt— der mit den unheimlich großen und starken Fäusten. Wie sein Vater Hans (1.1) arbeitet er als Tagelöhner auf dem Grambower Gut und wohnt in einem alten Fachwerkhaus am Moor. Im Familienleben hat Friedrich kein rechtes Glück von Dauer. Er heiratet dreimal. Seine beiden ersten Frauen sterben früh. Trotz seiner 48 Jahre heiratet Friedrich noch ein drittes Mal und zwar die 38jährige Witwe Maria Vitense (2.2), ebenfalls aus Grambow stammend. Maria bringt noch mehrere Kinder aus erster Ehe mit. Friedrich hat ebenfalls aus seinen beiden ersten Ehen Kinder, und Maria schenkt ihm weitere. Unser Ahnenglied, Opa Wilhelm (3.1), ist der jüngste. Er berichtet von der strikten Unterscheidung in seinem Elternhaus nach ,,Min Kinner, din Kinner und uns Kinner".
Auch im Grambower Moor spukt es natürlich. Es gibt dort Irrlichter und nachts leuchtende Baumstümpfe. Spukgeschichten und Hexenwahn leben hier weiter. Man erzählt den Kindern unheimliche Dinge, und diese erzählen sie an ihre Kinder noch schauriger weiter. So ist die zur Mystik neigende Moorbevölkerung schon etwas eigenartig. Friedrich hat wenigstens die Fäuste, um alle bösen Geister zerquetschen zu können. Aber nach ihm erscheint die Wöhl—Sippschaft degeneriert, denn ,,na de drürt Fru wiern de Todaten nich mier väl wiert", meint Opa Wilhelm (3.3). (Nach der dritten Frau waren die Zutaten nicht mehr viel wert). Damit meinte er sich selbst. Er war für das Moor zu schwächlich und erlernte darum das Schusterhandwerk. Dessen Sohn Richard (4.1) wird leider noch schwächlicher. Doch so weit sind wir noch nicht.
Trotz der vielen sorgenden Kinder müssen
sich die Eheleute Friedrich und Maria im Alter trennen. Friedrich bleibt
bei seinen Kindern in Grambow, während Maria von den ihren in Hamburg
aufgenommen wird. Es gibt, wie in solchen Fällen so oft, ein bitteres
Altenlos.
2.3 Christian Kähler und Maria
Frentz (2.4)
Der am 20.Mai 1851 geborene Christian Kähler wird wie sein Vater Tagelöhner am Groß Brützer Hof, heiratet mit 26 die gleichaltrige Maria Frentz (2.4), die auch aus Groß Brütz stammt. Auch sie haben einen ganzen Stall voller Kinder, wie Oma Rieke (3.2) es ausdrückt. Christian hebt sich als Persönlichkeit sehr unter den Tagelöhnern heraus, zieht sich proper an, ist ein flotter Tänzer, stattlich in jeder Hinsicht. Aber durch seine Tätigkeit des Butterns nennen sie ihn etwas respektlos "Botter—Köhler". Bei den Dorffesten darf er immer mit ,,Gnää Fru" einen flotten Walzer aufs Parkett legen. Trotz des Strebens nach dem Feinen ist man im Leben nolens—volens sehr bescheiden. Oma Rieke berichtet, dass es keinen Weihnachtsbaumbehang gab, kein Konfekt und keine Schokolade. "Jeder kreeg ne Määlpop" als Spielzeug, das man, sobald es genügend schmutzig war, immer noch aufessen konnte.
Oma Rieke berichtet weiter von langen Winterabenden bei trüben Kerzen: oder Kienspanbeleuchtung. Man spinnt selbst angebauten Flachs oder Schafwolle. Der Flachs hat vorher schon viel Arbeit verursacht. Man musste ihn ‘braken‘, d.h. so lange schlagen, bis sich die Fasern lösen lassen. Maria und ihre Töchter müssen viel spinnen, nicht nur, weil sie alle einigermaßen angezogen sein wollen, sondern jede Tochter soll auch eine gute Aussteuertruhe mit "eegenmakt Linnen" bekommen. Das Bettzeug, die Tischtücher usw. sind so dauerhaft, dass man sie zeitlebens nicht zu ersetzen braucht. Weben können die meisten Frauen auch selbst, haben aber nicht alle einen eigenen Webstuhl. Die Bearbeitung der Schafwolle ist nicht minder langwierig. Der Weg bis zur fertigen Jacke oder selbstgestrickten Strümpfen ist mühsam. So ist der Winter gleichermaßen mit Arbeit ausgefüllt wie der Sommer. Vom Frühjahr bis zum Herbst reicht die Arbeitszeit vom ersten Sonnenstrahl am Morgen bis zum letzten am Abend. Der Lohn auf dem Gut ist gering. Die Gutsherren verstehen es, die Tagelöhner auszubeuten. Diese kennen es nicht anders und sind kaum aufsässig. Am meisten fürchten sie böse Krankheiten, denn eine soziale Absicherung fehlt
Sonntags holt man, wie Oma Rieke weitererzählt, das beste Zeug für den Kirchgang aus dem Schrank. Das ist Modenschau und für die heiratsfähigen Kinder gleichzeitig Brautschau.
Tochter Minna, die ,Fieken‘ genannt wird, weil ,Gnää Fru‘ nicht umlernen will, wird von einem der vier Brützer Bauern umworben. Von Riekes Schwestern macht sie die beste Partie. Ihr Mann, Johannes Möller, der gleichzeitig Kirchenjurat ist, erweist sich als äußerst gutmütig, aber Friederike (3.2) ist mit Wilhelm (3.1) auch nicht betrogen. Das Leben einer Schusterfrau ist angenehmer als das einer Tagelöhnerfrau.
Maria Kähler stirbt mit 72 in Schwerin, und Christian ,,Botterköhler" bringt es sogar auf 82. Das langlebige und stabile Geschlecht der Kähler müsste die Wöhlsche Degeneration auf Dauer wieder wettmachen.
2.5 ........ Hinrichs und Elisabeth Ahrendt (2.6)
Nun sind wir wieder bei der Hinrichs—Sippe
mit dem ,,Taternblut". Uns fehlt der Vorname von Christians (3.3) Vater.
Oma Wiesche (3.4 erzählt von der Hinrichschen Ackerbürgerei in
der Kleinstadt Parchim in Mecklenburg. Dieser vornamenlose Hinrichs, der
1810 geboren wird, heiratet erst mit 50, also 1860, Elisabeth Arendt, die
17 Jahre jünger ist als er. Sie stammt aus dem benachbarten Neu Brenz.
Sie wirtschaftet als Ackerbürgerin zwar hervorragend, aber es soll
keinen Segen bringen, weil ihr ältester Sohn, der den Hof übernehmen
soll, zum Trinker wird und später den ganzen Hof verwirtschaftet.
Sein Vater nimmt zwar auch gern einen zur Brust, gilt aber dennoch als
rechtschaffen. Leider 1äßt man den jüngeren Sohn Christian
(3.3), der tierlieb ist, nicht in die Ackerbürgerei einsteigen, sondern
das Schusterhandwerk erlernen. In der Heirat mit Oma Wiesche (3.4) wird
er unsere Ahnenreihe fortsetzen. Sein Vater wird 78, und Mutter Elisabeth
überlebt ihn noch um einige Jahre trotz des großen Kummers durch
Rudolf.
2.7 Philipp Fastenau und Maria Albrecht. (2.8)
Von dem 1831 geborenen Philipp Fastenau haben wir schon gehört, dass er in Hannoverschen Oldershausen aufwächst und Schuster wird. Meister Bertram in Schwerin in dem kleinen Haus an der Bergstraße lernt den Philipp schätzen und will ihn, weil er selbst keine Kinder hat, zum Erben machen. Dafür muss der Ausländer aus dem Hannoverschen adoptiert werden, aber auch noch aus einem anderen Grund: Er als "Ausländer" darf sonst seine Braut Maria Albrecht alias Ahrens alias Lindemann nicht heiraten. Oma Wiesche (3.4) erzählt, dass ihre Mutter oft gesagt habe:
"Wi künn‘t nich fri kriegen."
"Worüm denn nich, Mudder?~
"....denn Bettler haben wir genug, sää de Magistrat."
Doch, man hat wohl Meister Bertram großmastig vor seinem kleinen Haus in der Bergstraße stehen sehen, die Daumen in den Achselhöhlen und auf dem Gesicht die kaiserliche Miene ,es ist erreicht‘, also von Betteln keine Rede. Als Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg und Gottes Guaden einmal seinen guten Tag hat, unterzeichnet er die Adoptionsurkunde. Nun ist Philipp Fastenau fortan ein ehrenwerter Schweriner Geschäftsmann. Der Name Bertram passt zu ihm auch weitaus besser, zu Deutsch ,Glanzrabe‘ oder ,Prahlhans‘. Später wird er in der Pose des Meisters Bertram vor dem Häuschen stehen. Philipp vererbt die Großmannssucht auf alle seine Kinder: August, Wilhelm, Heinrich, Minna, Luise (3.4) und Auguste. Von ihnen wird in der nächsten Generation zu erzählen sein.
Philipps Frau Maria hat auch ihren Wahlspruch, nach dem sie auch zu handeln versteht:
,,Mit Höflichkeit und Wort und Mien‘ kommt auch der Ärmste durch die Welt."
Philipp stirbt schon mit 65.
Maria
bringt es auf 90, überlebt ihren Mann um 32 Jahre. Nach seinem
Tod siedelt sie von der Bergstraße zu ihrem Sohn Heinrich und seiner
Frau Eleonore in die nahe Werderstraße über und wird von allen
,,Größing" genannt. Auch Bruno (5.1) erinnert sich noch
an die fast 9Ojährige wunderliche Frau, die nach ihrem Reden laufend
fürchterlich bestohlen wird, offenbar von ihrer Schwiegertochter Lore.
Zwar bestätigt jeder, dass Lore sie gut pflegt und ihr nie etwas stehlen
würde. Dann zeigt Größing dem Besucher ihre geheimen Verstecke.
In ihrem Vertiko hat sie die großen Schätze in Kannen, Milchtöpfen
und Tassen. Es sind einzelne Kaffeebohnen oder ähnliches. Die Vertikotür
ist verschlossen, und Größing sitzt auf ihrem Korbstuhl Stunde
um Stunde davor, um dem Diebstahl vorzubeugen. Sie sagt: ,,Bätter
is bätter, man kann jo nie weeten!", Lore belächelt erfreulicherweise
die Wunderlichkeit der Alten.
Nun kommen wir wieder zur Linie Rüchel/Stöckmann, über die Oma Bertha (4.4) zu erzählen weiß:
2.9 Wilhelm Rüchel und Sophia Krüger (2.10)
Martin Rüchel (4.5) weiß
über seinen Großvater nicht mehr, als dass Wilhelm und Sophia
als Fischer in Westdievenow gelebt haben wie die übrigen Ahnen. Ähnlich
wie auf Saleskerstrand sind es auch in Westdievenow immer wieder dieselben
Namen: Rüchel, Schmiedeberg, Krüger, die natürlich stark
miteinander verschwägert sind. Beurkundete Daten haben wir auch in
dieser Generation der Rüchels noch nicht, denn keiner von ihnen hat
die Ahnenforschung zum Hobby, und auch die Nazis verlangen von Fischern
nicht den Nachweis der arischen Abstammung.
2.11 Ferdinand Schmiedeberg und Caroline Krüger (2.12)
Auch über seine Großeltern
mütterlicherseits weiß Martin (4.5) nicht mehr als über
die väterlichen: Es sind auch Fischer in Westdievenow. Man hat eine
ganze Reihe Kinder, die ebenfalls in den harten Fischereiberuf hineinwachsen.
Schon von Kind auf an lernen sie es, Netze zu flicken und Angeln herzurichten.
Vater Martin (4.5) sagt, ein Fischer sollte nie schwimmen lernen. In Seenot
hätten die Fischer doch keine Rettung zu erhoffen. Schwimmen wäre
dann unnütze Quälerei. So halten es die Rüchels, Schmiedebergs
und Krüger und werden dabei doch alle ziemlich alt. Das harte Los
züchtet kraftvolle Gestalten, vor denen man sich fürchten muss,
wenn sie in Wut geraten, aber sonst haben sie Humor.
2.13 George Stoeckmann und Christine Meyer (2.14)
George wird Büdner wie sein Vater Jürgen in Saleskerstrand, wo die Ernteerträge zu wünschen übrig lassen. Man schwankt deshalb zwischen Landwirtschaft und Fischerei. Die Wanderdüne vertreibt George an die dritte Stelle seit Gründung, etwa 3 km ins Landesinnere, wo das Dorf neu errichtet wird. Es zählt um diese Zeit etwa 18 Häuser. Das von George liegt an der Wegegabelung Saleske—Ostsee—Schlakow. Gegenüber wird später die Schule erbaut. Wenn man von dem außerhalb gelegenen Brink absieht, ist das Stoeckmannsche Haus das erste des Dorfes. Aber auch sinnbildlich ist es das erste. Durch Generationen hat es sich herausgebildet, dass man sich bei den Stoeckmanns Rat holt. Sie helfen, wo sie können. Im Vergleich mit den anderen Dorfbewohnern geht es den Stoeckmanns geldlich am besten, obwohl ihre Bedingungen keineswegs günstiger sind. Sie trinken nicht und können gut wirtschaften. Andere betteln beim Salesker Gutsherrn von Below, aber dazu sind die Stoeckmanns zu stolz. Sie wollen es in allen Lebenslagen selbst schaffen. So versuchen sie es sogar mit Gastwirtschaftsbetrieb, aber dies rentiert sich im Hinblick auf die zu arme Kundschaft nicht. Doch der Spitzname ,,Kräugers" bleibt. Alle Stränder haben Spitznamen. Sonst könnte man die verschiedenen Stöckmanns, Moldenhauers und Meyers nicht unterscheiden. Oma Bertha (4.4) erzählt von ,,Endjobs (Meyer), Schepers (Moldenhauer), Hannabers (Meyer), Hanne (Stöckmann), Grote (Moldenhauer), Pole (Meyer), Schipperjobs (Moldenhauer), Köter (Meyer), Schulte (Stöckmann), Brinkmichel (Stöckmaun), Kammejers (Meyer), Lotteke (Stöckmann) und Minneke (Stöckmann). Nun sind sie wohl alle vorgestellt. Natürlich können auch einige davon hexen oder haben wenigstens den bösen Blick dafür. Aber unseren Stöckmanns können sie zu ihrem Leidwesen nichts anhaben, weil sie nicht abergläubisch sind.
Mit 26 Jahren heiratet George Stoeckmann
die gleichaltrige Christine Meyer, auch aus Saleskerstrand. Von ihren Kindern
setzt August (3.7) unsere Ahnenreihe fort. Mutter Christine wird nur 47
Jahre alt. Die Strander haben mit bösen Krankheiten zu kämpfen,
weil das Leben hier so hart ist. Vater George überlebt Christine um
12 Jahre.
2.15 Albert Treptow und Albertine Scheunemann (2.16)
Albert wächst in der Büdnerei seiner Eltern in Saleske auf und wird sie später einmal übernehmen, wenn er heiratet. Dazu lässt er sich Zeit, bis er 35 ist, und nimmt dann die 9 Jahre jüngere Albertine Scheunemann, ebenfalls aus Saleske, zur Frau. Sie wirtschaften, wie überliefert ist, sehr gut und vererben dieses Talent in höchstem Maße auf ihre Tochter Mathilde, die einmal die Frau des Försters August Stoeckmann (5.7) wird.
Fast gleichzeitig sterben Albert mit 65 und Albertine mit 56 Jahren.
Das also waren die Ururgroßeltern von Kai, Rita und Jan. Wir wenden uns jetzt der Folgegeneration zu, die so um 1860 geboren ist. Es sind folgende acht Urgroßeltern:
5.1 Wilhelm Wöhl und Friederika Kähler (5.2)
Beide können wir schon mit Bild vorstellen. Die Aufnahmen stammen von ihrer Silberhochzeit am 1.November 1914. Sie sind darauf 52 bzw.48 Jahre alt.
Wie erwähnt, ist Wilhelm der jüngste
Sohn von Friedrich und Maria Wöhl geb. Vitense aus dritter Ehe. Das
sind die mit «mien Kinner, din Kinner un uns Kinner". Für die
Arbeit im Moor ist Wilhelm zu schwächlich und wird darum nach dem
Wunsch des Vaters Schuhmacher. In seinem Handwerk ist er unerhört
exakt und kann sogar feine Reitstiefel machen. Aber die Aufträge fehlen
später. Wilhelm ist zwar recht gescheit, aber kein guter Geschäftsmann
wie etwa die Bertram—Schuster. Er ist eher scheu und sehr wortkarg.
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Sie kennen sich aus der Kindheit, denn
Grambow gehört zum Kirchspiel Groß Brütz. Man hat sich
beim Gottesdienst gesehen. Inzwischen war Wilhelm, wie es üblich ist,
als Handwerksbursche auf Wanderschaft, sogar in Hamburg. Nun sehen sie
sich in Schwerin auf dem Werderfest wieder. Am Werderholz ist ein Schützenplatz,
wo im Spätsommer immer der übliche Rummel stattfindet. Die lustige
22jährige Rieke will dort nicht fehlen, und der 26jährige Wilhelm
denkt ans Heiraten, denn er möchte sich in Schwerin selbständig
machen. Er trifft sich nun öfter mit Rieke, ist aber nicht sehr
beredt und gesellig, aber, was er sagt, hat Gewicht, wie Rieke betont.
So fragt er sie aus heiterem Himmel:
Sie zeigt ihm ihr Sparbuch, das man
zu der Zeit immer auf der Brust bei sich trägt, und labt sich an seinem
freudig überraschten Gesicht. Dann zeigt er ihr sein Sparbuch und
sagt nur:
Umständlich holt er Verlobungsringe aus der Westentasche und gibt Rieke einen mit dem Wort: ,Da‘. Weiteres Gerede erübrigt sich ja eigentlich auch.
Wie soll nun Oma Riekes Enkel Bruno (5.1) seine Großmutter beschreiben; objektiv sicherlich nicht, denn Bruno ist für sie voreingenommen. Sie ist seine Lieblingsoma, und sieht sie darum ganz anders als seine Mutter Martha(4.2) ihre böse Schwiegermutter. Zumindest ist Rieke eine äußerst tüchtige und arbeitsame Frau, gebefreudig von großer Herzensgüte. Was sie bei manchen in Misskredit bringt, ist ihr ,freches Mundwerk‘, wie Martha es nennt. Wenn Rieke eine Frechheit losgelassen hat, sagt sie selbst:
"Ick hew er dat `n bäten fin gäben." So fein, dass man es überhören konnte, wird es zumeist nicht gewesen sein.
Nach der Heirat mit Rieke lässt sich nun Wilhelm als selbständiger Schuhmachermeister in Schwerin nieder. Die erste Wohnung in der Paulstraße erweist sich bald als zu klein. Es glückt dann, eine billige Behausung bei Barbier Heiden in der Johannesstraße 1 zu bekommen. Aus diesem Haus könnte man allerlei Eulenspiegeleien von weniger chronistischem Wert erzählen, z.B. diese:
Oben im fröhlichen Ausguck unter dem Dach hauste der Barbierlehrling in einer sehr bescheidenen Kammer. Bald beschwert man sich beim Chefbarbier Heiden darüber, dass dieser Bengel sein Waschwasser immer aus dem Mansardenfenster auf die Straße schüttet und Passanten trifft. Der Figaro fragt ihn: ,Worüm deest du dat?". Der Bengel weist auf den Ausguss unter dem Wasserhahn und sagt ganz erstaunt: "Ick dach, dor köm dat saubere rin." Wasserleitung ist nämlich in Schwerin zu dieser Zeit eine Neuerrungenschaft. Auf dem Lande gibt es nur den Soot. Auf Bildern sieht man noch den langen ,Swengel‘, mit Hilfe dessen man einen Eimer tief in einen Brunnenschacht hinablässt. Handpumpen gibt es noch gar nicht so lange.
Bei großer Wäsche ist das Wasserholen aus dem Soot immer sehr mühsam. Oma Rieke erzählt aus ihrer Kindheit, dass sie immer für die Lehrersfrau Wasser geholt hätte. Das hätte sie aber viel lieber getan, als den ,Katekiek‘ zu lernen. Viel mehr als den Katechismus hatte die Schule damals nicht zu bieten. Der Schneider des Dorfes war gleichzeitig der Lehrer. Für seinen Unterricht sei Rieke nicht gescheit genug und solle darum lieber seiner Frau bei der Wäsche helfen. Man wollte die Landkinder gar nicht so gescheit haben. Sonst würden sie nur in die Stadt abwandern.
"Oma, vertell nochmal, as du geburn würst!"
"Ja, min Jung, dat wör ne Not. Donn wör de Soot tofrorn (14.Dezember). Man künn keen Water kriegen, um mi tau waschen."
Wilhelm und Rieke haben nur ein Kind, nämlich Richard (4.1). Leider erkrankt er bald an Rachitis (engl.Krankheit) und muss in seiner Kindheit ein Stützkorsett tragen. Es lässt sich nicht verhindern, dass er bucklig verwachsen wird. Dennoch wird er ein richtiger Junge und hat immer den Spruch drauf:
"Wat kickst? Hest noch keen Minschen sehn? Wist een in de Schnut?"
Wilhelms Schusterei bringt nicht genügend ein. Rieke muss Putzstellen annehmen und auch als Waschfrau gehen. Sie legt Mark für Mark zurück, aber die Inflation nach dem ersten Weltkrieg nimmt ihr alles wieder. Sie wird dies nie verwinden. Es ist auch eine schlechte Zeit. Die Leute lassen anschreiben, aber die redegewandte Rieke treibt es ein. Dennoch kommt man kaum über 9 Mark Wochenverdienst. Dennoch ermöglichen sie es, dass Sohn Richard die Bürgerschule besucht, was gar nicht so billig ist. Er soll es einmal besser haben als seine Eltern. Inwieweit dieser Wunsch in Erfüllung geht, hören wir bei der nächsten Generation.
Natürlich können Wilhelm und Rieke sich praktisch gar nichts leisten. Er geht höchstens am Sonnabend in den "Fleutendörper Kroog" in der parallelen Grenadierstraße, kann sich aber das geliebte Skatspielen nicht leisten. Die Spieler, die gern einmal eine Pause machen wollen, lassen Wilhelm währenddessen die "Karten anfassen". Sie wissen, dass er sehr sicher spielt und so gut wie immer für sie gewinnt. Für einen blanken Zehner leistet er sich eine kleine Tafel Schokolade, um sie seinem Enkel Bruno mitzubringen. Der freut sich aber auch zu dem Groschen. Wilhelm hebt die neugeprägten blanken Zehnpfennigstücke immer für ihn auf.
Woher Wilhelm so gut Skat spielt? Nun, er hat ja nicht viel Arbeit. Solange die Schuhe in der ‘Weekbütt‘ weichen, spielt er mit sich selbst auf dem Schusterbrett. Das ist die wichtigste seiner kleinen Freuden des Lebens.
Rieke erfreut sich mehr daran, dass zu Hause alles glänzt und blitzt, nicht nur der Fußboden, auch die schneeweißen Sofadecken und vor allem die Gardinen. Schwiegertochter Martha muss sie anbringen und gerät in Verzweiflung, wenn Rieke dirigiert:
"Noch `n bäten wierer na rechts. Holt, vääl tau väll, höchstens `n Millimeter!". Nach dem Gründlichreinmachen triumphiert sie dann: "Rückt dat nich wedder schön frisch? Alle Lüer kieken na mien Gardinen. Se sidden öwer ook wedder grootordig. Dat hett sogor Hasselfeldsch seggt. So witt sünd se ook selten geraden!"
Geselligen Umgang mit Freunden pflegen Wilhelm und Rieke kaum. Es wäre zu teuer, etwas anzubieten. Doch die Witwe des Milchhändlers Wöhl (keine Verwandte) kommt oft und lange. Sie hat auch einen. Sohn Richard. Man sagt sehr höflich: "Du, Fru Wöhl", und die andere sagt auch so. Stundenlang geht es hin und her:
"Mien Richard" und "uns Richard". Dann ist der Enkel dran:
"Nee, wat hett Bruno för hübsche brune Oogen, un klook is he ook. Dat hett he bestimmt von sien‘ Grootvadder." Nach 3- 4 Stunden Gerede ist dies das Startzeichen für Wilhelm. Er sagt nur: "Nu isst naug, Fru Wöhl". Rieke begütigt: "Uns Vadding meent dat nich so, kumm man `n anner Mal wedder!". Draußen ist sie, wenigstens für diesmal, denkt man. Aber Wöhlsch kommt noch mal zurück: "lck wull noch von mien Huswirtin vertellen:
,Du, Fru Wöhl, weest jo, ick bün jo ümmer still un ruhig, öwer donn sää iok, Fru Meier, sää ick......‘. Vaddings Drohgebärde genügt dann, um die gute Freundin des Hauses abzuschütteln. Zu seiner Frau sagt Vadding nur: ,Frug!‘. Dann weiß sie, was die Uhr geschlagen hat und ist trotz ihrem ,frechen Mundwerk‘ mucksmäuschenstill.
Frau Möller, die spätere Barbiersfrau, zeigt Oma Rieke ganz stolz ihr neues Kleid. Diese sagt anerkennend: "Dat is würklich hübsch, Fru Möller, blot Se dürften dat nich drägen. Na, wenn‘ morgens all Schokolur ut de Nachtdischschuwlar fret, denn salln woll dick warden." "Ick verstaa gor nich, worüm Möllersch doröwer beleidigt is".
Nebenan, Johannesstr.3, wohnt Riekes Bruder Heinrich im Dachgeschoß mit seiner Frau, die alle ,de Dick‘ nennen. Es ist nur noch Tochter Lisbeth da, denn Sohn Friedrich ist in die Schweiz ausgewandert, und Sohn Rudolf ist nach Hannover gezogen. Heinrich Kähler mit der Dicken und Lisbeth kommen ab und zu zum Kaffee zu Rieke und Wilhelm. Heinrich ist Bahner und erfreut sich darum großen Wohlstands. Im Keller hat er sich einen Stuhl aufgestellt, um stundenlang neben seinen Brikette sitzen zu können wie auf einem Geldsack. In Brunos Augen hat er so feine Manieren wie sein Vater ,Botter—Köhler‘, der ja auch als einziger mit der ,Gnää Fru‘ tanzen durfte. Kein Auftritt ohne Manschetten, ,Buernbedreger‘ und ,Vatermörder‘. Nach dem Kaffee freut sich schon Bruno auf den Moment, in dem er seine Tasse umdreht, und macht es ihm selbstverständlich mit derselben vornehmen Geste nach. Die rothaarige Lisbeth, die mit 40 immer noch nicht heiraten darf, verdingt sich als Weißnäherin. Sie ist vornehm wie ,Botterköhler‘ und ihr Vater Heinrich. Ihr ,Jäääööö‘ klingt wie das Näseln eines Obersten. Nur wenn Vetter Richard (4.1) sie anspricht: ,Lisbeth gehst wedder bäten up‘n Derby?‘, wird sie ganz ordinär. Erst nach dem Tod ihrer Eltern leistet sie sich einen ,Jöter‘. Das ist ein Liebhaber, den man wohl früher beim Jäten auf dem Felde erobern konnte. Lisbeths Jöter ist allerdings schon über die 70. "Aber er hat einen schönen Garten mit viel Hühnarn." Dieser Jöter ist — man soll es nicht glauben— noch so leidenschaftlich, daß er Lisbeth jede Woche mindestens einmal verhaut, was die Liebe nur schöner machen kann.
Dann ist da noch Riekes Schwester Minna, die von ,Gnää Fru‘ "Fieken" und nach ihrer Heirat des Groß Brützer Bauern Möller nur noch ,Buerfieken‘ genannt wird. Auch sie wagt sich einige Male im Jahr auf die 11km lange Weltreise von Groß Brütz nach Schwerin mit dem ,Milchwagenexpress‘. Schon länger als eine Stunde vor Abfahrt des Zuges rafft sie ihre Sachen zusammen, setzt den hohen Hut auf, steckt die lange Haarnadel hindurch und gerät fast in Panik: ,Oh, mien Haut (Hut), mien Daug (Umschlagetuch) un mien Schau (Schuhe). Wo hew‘k denn nu mien Biljett?"— Einige Male fahren auch Rieke und Wilhelm mit ihrem Richard zum Brützer Bauern. Johannes Möller, so heißt er, ist eine Seele von Mensch. Beim Essen sagt er zu Richard: "Rieke, du fretst öwer!", keine Mißgunst, sondern nur Freude über den Appetit des Jungen. Er selbst ,frißt‘ jeden Morgen 12 Eier und bleibt dünn wie ein Hering. Als Kirchenjurat muß der Bauer zuweilen Festreden halten. Sie haben stets denselben Wortlaut, den irgendeiner der Zuhörer schon vorweg redet:
,Heut ist der Tag; den hat der Herr gemacht. Und dafür wollen wir ihm dankbar sein; ja, dankbar wollen wir sein. Tagesarbeit, abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste. Wir sind heute zusammengekommen, um .....,,
Von den sonstigen Verwandten ist noch
Riekes Bruder Fritz, Kutscher bei Bierhändler Bünger, zu erwähnen.
Leider erhängt er sich wegen eines Krebsleidens.—Schwester Maria heiratet
einen Katzberg. Ihre Stärke ist ihr frommer Augenaufschlag, um dem
Pastor etwas aus dem Klingelbeutel zu locken. Wegen eines Streites um den
von den Eltern geerbten wackeligen Tisch spricht man seit Jahren nicht
miteinander. Wenn Richard sie trifft, spricht er sie an, damit sie den
Kopf feindlich wegwendet.
"Wir reden nicht mehr miteinander."
Richard sagt dann: ,Un ick snack doch mit di!‘ Diese Zeremonie wird in
kurzen Abständen wiederholt. Natürlich sind da auch noch die
Geschwister von Opa Wilhelm, vor allem Anna Wöhl, die auf dem Markt
Fische verkauft, zusammen mit ihrer Tochter. Wenn Richard sie anspricht,
und er tut es stets, nimmt der ganze Markt teil. So laut geht es zu. Und
Richard freut sich.
Vielleicht ist es charakteristisch, von der Zeit zu schreiben, als Richard die 10 Jahre jüngere Martha heiratet (4.2). Wilhelm und Rieke mögen sie schon, "öwer se hett jo nich arbeiten liert!", sagt Rieke und will Abhilfe schaffen, was Martha gar nicht so schätzt. Da wird nicht nur beim Griindlichreinemachen gemeinsam gewütet, sondern auch im Garten vor dem Wittenburger Tor. Spätestens morgens um 6 geht es los. Man schuftet bis zum Abend und ist dann "messnattsweet" (mistig naß von Schweiß). Beeren werden sogar in der ärgsten Mittagshitze gepflückt. Rieke ist unerbittlich mit sich selbst und erwartet es auch von den anderen. Wenn die nicht wollen, sind ihre Worte nicht die herzlichsten. So ist es wohl kein Wunder, daß Brunos Mutter Martha die Oma Rieke ganz andern sieht als er.
Schließlich behält Oma Rieke den Bruno, wenn seine Eltern sonntags ausgehen. Mit Engelsgeduld läßt sie sich die Haare frisieren, rasieren, oder man spielt Eisenbahn mit dem Schiebladenpuff, manchmal auch Karten wie ,66‘ und ,Zick‘ oder ,Schwarzen Peter‘. Wenn alle Spielideen erschöpft sind, müssen die alten Spukgeschichten aus dem Düwelsborn her. Das ist ein tiefer morastiger Einschnitt, durch den die Bahn von Schwerin nach Groß Brütz seit Erbauung fährt und immer tiefer einsinkt. Die Ursache für diese seltene Grundlosigkeit ist natürlich der Düwel(Teufel), den dort schon viele angetroffen haben.
Bei Oma Rieke schmeckt es Bruno immer so besonders gut. Sie kann Dinge kochen, die Martha, seine Mutter, nicht im entferntesten beherrscht, z.B. Steckrüben mit einer Wurst dazu für einen Groschen, natürlich von Schlachter Jens. Dann Riekes herrliche Mairüben, aber ,Speckstipp‘ und ,Sirupbrotaufstrich‘ sind bei Bruno verpönt. Rieke und Wilhelm kommen mit 1/4 Pfund Fleisch die ganze Woche aus und sind auch sonst äußerst bescheiden. Zum Geburtstag und zu Weihnachten bäckt man einen Platenkuchen aus 5 Pfund Mehl, von dem man, wie Martha richtig erkannt hat, die ,Maulsperre‘ bekommt. Bruno sieht das anders, denn er sammelt sich nur die Mandeln oben ab. Zum Fest gibt es durchaus Geschenke, aber nur praktische, denn für Spielzeug hat man natürlich kein Geld.
Die bitterste Zeit kommt für Wilhelm und Rieke einige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg, als Vadding seinen ersten Schlaganfall bekommt. Für eine Invalidenrente hat er zuwenig geklebt. So gibt es nur die Mindestrente und Wohlfahrtsunterstützung. Alle Ersparnisse sind, wie schon erwähnt, in der Inflationszeit verloren gegangen. Rieke weint jeden Tag: "Snurrers sünd wi nu! Dat is mi in de Ihr to nah! (an die Ehre greifend)". In der Nazizeit gibt es Pakete vom Winterhilfswerk, die mehr verbittern als erfreuen. Silvester 1941, als Wilhelm stirbt, herrscht wieder Krieg. Martha sagt:"Rieke hett noch twölf Johr de Fööt an‘n Aben hollen‘ (die Füße gegen den Ofen gehalten), bis sie mit 87 Jahren ihrem Wilhelm nachfolgt. Es war ein Leben voll Mühe und Arbeit, wenig Ernte und ohne Dank vom Vaterland. Wenigstens brauchte Wilhelm in beiden Weltkriegen nicht zu den Soldaten, weil er nicht der stärkste war. Aber er hat für das Militär geschustert.
Wir werden nun anschließend hören,
wie es den Großeltern Hinrichs ergeht, ob ihr Leben zu mehr Zufriedenheit
Anlaß gibt. Die Antwort ,nein‘ darf man wohl vorwegnehmen.
3.3 Christian Hinrichs und Luise Bertram (3.4)
Der 1867 geborene Christian wächst zusammen mit seinem älteren Bruder Rudolf in der elterlichen Ackerbürgerei in Parchim auf. Seine große Tierliebe kann er nicht nutzen, sondern muß gegen seinen Willen Schuster werden, weil der ältere Rudolf den Hof erbt. Sicherlich konnte man nicht voraussehen, daß Rudolf den Hof vertrinken würde. Bei Christian wäre er in besseren Händen gewesen. Dieser fügt sich aber in sein Schicksal und bringt es zu einem ausgezeichneten Schuster, speziell für die Reitstiefel der Offiziere. Sein Schusterkollege Heinrich Bertram, der Sohn des adoptierten Glanzraben Philipp (2.7), bringt Christian mit seiner Schwester Luise zusammen. Christian nimmt keinen Anstoß an Luises unehelichem Kind Auguste. Immerhin ist sie eine tüchtige Schneiderin, die nicht länger abgekapselt auf Lewenberg leben möchte. Beide heiraten mit 31 bzw. 28 Jahren. Die beiden Fotos hierunter wurden nicht gleichzeitig aufgenommen, Christian mit 31 und Luise mit 53 Jahren:
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Christian und Luise kaufen sich Bäcker Kuschors Haus am Totendamm in Schwerin, später Rostocker Str.15 und nach dem 2.Weltkrieg Goethestr.86. Dort ist Platz für Christians Schusterei und noch mehr für Luises Schneiderei sowie die vielen Viecher. Christian kann sich - genauso wenig wie Wilhelm Wöhl - mit der Schusterei eine goldene Nase verdienen, auch kaum mit mehr Fleiß. Dafür geht Luises Schneiderei umso besser. Sie beschäftigt bis zu acht Näherinnen und macht sich die umliegenden Gutsbesitzerfrauen zur Kundschaft. Zwar sind diese säumige Zahler, geben aber Renomme. Sie ist zwar Schneidermeisterin, nennt sich aber Modistin. Woher mag sie nur ihre Großmannsallüren haben? Die Suche endet schon bei ihrem Vater, dem Glanzraben Philipp. Sie kann aber auch gut mit den Adligen umgehen. Bruno freut sich, wenn sie schon zu den Gutskindern sagt: "Wulln Komtesse sick mal rümmedreiden?‘ (bei der Anprobe: Wollen Komtesse sich umdrehen?) Für Hausarbeit hat Luise keine Zeit, am Tage Kontaktpflege mit den Kundinnen und bis tief in die Nacht fleißiges Nähen. Christian wird zum Hausmann degradiert, erweist sich aber auch dafür nicht als gut. So erinnert man sich an ,Gucke‘. Gemeint ist das in Oldershausen lebende uneheliche Kind von Luise. Nach der Geburt von Tochter Martha 1901 muß Gucke wieder her, aber jeder hat sie als Kindermädchen anzusehen. Die Freude mit dieser billigen Kraft dauert nicht allzu lange, weil diese Malermeister Krasemann heiraten will. Als die Verlobten eine Veranstaltung besuchen wollen, verweigert Luise die Herausgabe des Hausschlüssels, was zum lebenslänglichen Krach und Verbannung von Gucke führt. Luise ist unerbittlich, wird es aber bald schwer büßen müssen. Christian erkrankt an schwerer Arterienverkalkung, letztlioh mit Anstaltsaufenthalt und frühem Tod, und Sohn Walter, von dem noch zu sprechen ist, kommt später aus dem Krieg nicht heim.
Bleiben wir zunächst bei Tochter Martha (4.2), die die höhere Töchterschule besuchen und bei den Geschwistern Topp Kunstgewerbe lernen kann, verliebt sich schon mit 18 in Richard Wöh1. Da er 10 Jahre älter ist, wird er von Luise akzeptiert: ,He is wenigstens all drög achter de Uhren." Das Verlobungshindernis war nur: ,Wo nähm‘ wi all denn Zucker her?‘. Immerhin ist Richard Abteilungsleiter bei einer Lebensversicherung, doch seine Herkunft gilt bei den Bertrams als niedrig, weil sie sich als erste Schweriner Geschäftsleute fühlen. Schuster ist eben nicht gleich Schuster. In Schwerin pflegt man den Standesdünkel weit mehr als anderswo. Der Hofstaat des Großherzogs strahlt wohl SO aus, und die vielen Beamten mit ihren großen Titeln tun ein übriges.
Christians Krankheit beginnt damit, daß er bei Marthas und Richards Hochzeit auf dem Standesamt plötzlich seinen Namen nicht mehr schreiben kann. Er muß sich entschuldigen: "IIck hew mien Brill vergäten", obwohl er gar kein Brillenträger ist. Der 1911 geborene Sohn Walter ist bei der Hochzeit seiner Schwester erst 10 Jahre. Luise kann sich ihm nicht widmen, denn Christian fällt als Hausmann mehr und mehr aus, während Gucke verbannt ist. So kommt Walter auf das Seminar in Neukloster, wo man Abitur machen und zum Lehrer ausgebildet werden kann. Als er fertig ist, will man keine Lehrer mehr einstellen. Darum lernt er bei der Sparkasse in Parchim und wird später in Schwerin Sparkasseninspektor. Wegen Luises Offiziersvogel muß er freiwillig dienen und wird auch im Krieg noch Oberleutnant, aber Luises Lieblingssohn kehrt nicht mehr heim. Diesen Schmerz verwindet sie nie, doch zu einer Versöhnung mit Gucke kommt es auch am Totenbett nicht. So hart ist Luise. Trotz des Kummers und ihrer unermüdlichen Näherei wird sie 84 Jahre. Dabei hat sie nie Frucht und Gemüse mit Vitaminen angerührt, sondern vorwiegend von Brötchen gelebt, die sie zwischendurch hastig auf ihrer Hintertreppe aß.
Wenn bei Oma Rieke und Opa Wilhelm Schludergeschichten von der Verwandtschaft erzählt wurden, so kann dies im Zusammenhang mit Oma Wiesche nicht anders sein. Da hier mehr Kontakt in der Sippschaft ist als bei den Wöhls, zunächst eine Aufstellung , durch die man die Zusammenhänge sicher besser erkennt:
| Die 5 Hinrichs-Geschwister in der Reihenfolge des Alters | |||||
| Rudolf | Marie Michel | Wilhelm | Christian (3.3) | Karl | |
| deren Kinder | |||||
| Martha
Siems
Alma Redlin
|
Martha
Wöhl
Walter Hinrichs
|
Klara
Schon
Anna Hinrichs
|
|||
| Die 6 Bertram Geschwister und deren Kinder: | |||||
| August | Wilhelm | Heinrich | Minna Trilke | Luise (3.4) Hinrichs | Auguste Hinrichs |
| Erna
Bertram
Hans Bertram Anni Kempf
|
Martha Bertram | Marie
Bertram
Wilhelm Bertram |
Minna
Trilke
Hedwig |
Auguste
Krasemann
Martha Wöhl Walter Hinrichs
|
Auguste
Hinrichs
Ludwig Hinrichs Lisbeth Hinrichs Heinz Hinrichs |
Luise geht an ihrem Kummer nicht kaputt. Sie ist weiterhin lebenslustig und überall zu finden, "wo de Stiert sick röjt" (wo etwas los ist). Im Vergleich mit Oma Rieke (5.2) ist sie bei weitem nicht so selbstlos, bescheiden und gütig, sondern mehr hartgesotten und egoistisch. Schwiegersohn Richard (4.1) freut sich immer, wenn sie —nicht einmal einen Blumenstrauß aus dem eigenen Garten— mit anderen, etwa mit Oma Rieke, teilen will. In späteren Jahren wird sie zu einer dicken Kugel. Darum nennt Richard sie ,Wrucke‘ entsprechend ihrer Rübengestalt, aber sie nimmt es ihm nicht übel. Trotz ihrer einseitigen Ernährung fühlt sie sich bis ins Alter gesund. Nur manchmal kocht sie Pflaumenmus und dann nach dem Rezept ,erst Pfund auf Pfund und dann Zucker nach Geschmack nach‘. Das ist dann wie eine Bonbonmasse. Zu den Festen bringt ihr die Gutkundschaft Federvieh mit, weil sie so gerne ,salkert‘, wie sie das Zubereiten des Geflügels nennt. Von den Ärzten hält sie wenig und sagt bei Krankheiten gern:
,Dat is von sülbst kamen und geht ok von sülbst wedder weg, un wenn nich, helpt `n köhlen Drunk gegen alls." Diese Philosophie erweist sich nicht als falsch, denn sie wird 84 Jahre alt.
Mit der lieben Verwandtschaft, die kurz zuvor erläutert ist, ist man eigentlich niemals im Kriegszustand, und man sieht sich des öfteren. Alle Bertramschen sind kaum zu beleidigen und haben etwas Zwingendes an sich, so daß die anderen sich unterordnen. Im eigenen Lager rauft man sich immer wieder zusammen.
Zunächst einiges zu den Hinrichsschen Geschwistern:
Vom Hoferben Rudolf in Parchim, der den Hof vertrinkt, hörten wir schon. Schwester Marie heiratet einen Korbmacher namens Michel aus Lübz. Sie haben zwei Töchter, Alma und Martha. Alma wird die Frau des Kohlenhändlers Paul Redlin in Lübz, und Martha heiratet den Bahnschlosser Friedrich Karl Siems in Hamburg. Beide Töchter sind so extrem geizig, daß sie ihren Männern weder ein Bier noch die geliebte Zigarre gönnen. Christians Bruder Wilhelm wird Lokomotivführer in Hamburg, heiratet dort. Sie haben zwei Töchter namens Klara und Anna. Klara hat Reformideen, lebt als ,Sonnenschwester‘ und muß bei einem Besuch bei Richard und Martha (4.1+2) sogar in Milch baden. Ob Martha Grund zur Eifersucht auf Klara hat, weiß niemand so genau. Die Sache erledigt sich bald durch Klaras Heirat mit einem Zahnarzt, mit dem zusammen sie Torfbetten für Säuglinge und ähnliches erfindet. Christians Bruder Karl Hinrichs lebt als Schneider in Parchim und hat ein schlimmes Weib namens Emma, aber keine Kinder. Tante Emma duldet, wie sich Bruno erinnert, keinen Widerspruch und beherrscht alle Tugenden. Bruno darf nicht einmal zusehen, wenn die Alten ,Spitz paß auf‘ spielen. Das Spiel ist nämlich so aufregend, daß die Spieler selbst nach einigen Spielen einschlafen. Sonst ist Emma gütig, und Else Freund, die sie an Kindesstatt annehmen, hat es gut bei Emma und Karl. Trotz Rückgradverkrümmung heiratet sie. Ihr Beruf ist Putzmacherin.
Wenn nun über Luises Bertram-Verwandtschaft etwas zu arg hergezogen wird, so soll man hierüber nicht vergessen, daß sie im Grunde doch alle rechtschaffene Menschen sind, zwar mit Marotten, aber wer hat die nicht. Beginnen wir mit Luises ältestem Bruder August Bertram, der wie Bruder Heinrich in der Werderstraße ein Haus hat. Er ist der Standeshöchste der Sippschaft und führt den Titel: ,Großherzoglich geheimer Oberhof—Kabinettskanzlist‘. Wir würden heute sagen, Schreiber und Pflanzenverkäufer in der Schloßgärtnerei. Der hohe Titel verpflichtet natürlich. Zum Leidwesen seiner Frau Frieda ist sein Hobby, auf schöne Mädchenbeine zu schielen und dann durch die Zähne zu pfeifen: ,,Sss sss‘. August ist der schrecklichste Geizhals von den Bertrams. Seine erste Frau Anna hält es nicht aus und nimmt sich das Leben, während er von der zweiten, -. Frieda, überlistet wird, wenn er parteut kein Wirtschaftsgeld herausrücken will. Die älteste Tochter Erna, die Widerspenstige, wird vom Vater verstoßen und bleibt auch später das Enfant terrible der Familie. Hans, der sportliche Regierungsamtmann, der sich selbst bedichtet: ,Man gab ihm das Sportabzeichen in Gold.....", labt sich am Bertramschen Erbe der Großmannssucht und Knickerigkeit. Auch seine Frau Erika hat nach einigen Selbstmordversuchen doch Erfolg. Deren ältester Sohn Friedrich wird Arzt, fällt aber im 2. Weltkrieg. Tochter Lieselotte, genannt Lilo, heiratet einen Balten und lebt unauffällig in Wiesbaden zusammen mit ihrer Tante Anni (Kempf). Der jüngste Sohn Arno wird Chirurg und scheffelt als Gutachter viel Geld, das er als Bertram sorgsam hütet. Aus Augusts zweiter Ehe mit Frieda stammt die eben genannte Anni, die den Bahninspektor Kempf heiratet. Er kehrt aus dem 2. Weltkrieg nicht zurück. Darum bleibt Anni bei Lilo. Soweit der Zweig ,August‘.
Philipp und Maria Bertrams zweiter Sohn heißt Wilhelm. Er wird Postsekretär, zuerst in Schwerin, später in Hamburg, wo er früh stirbt. Dessen Tochter Martha heiratet nach Argentinien. Die Verbindung zu ihr reißt ab.
Mit Philipp und Marias Sohn Heinrich, dem Schuster in der Werderstr.38, einige Häuser von August entfernt, ist Luises (3.4) Verbindung am engsten. Auch er ist knickeriger Großmann, hat aber einen schönen Baß und singt in der Gesangsriege des Turnvereins, wo seine anderen Familienmitglieder auch tönen und für die Mißtöne zuständig sind. Heinrich heiratet Eleonore, ein "Fierabendskind" der bildschönen Mutter Bolzendahl. Lore sieht wie eine zierliche Rokkoko—Kokotte aus, aber mit Wachtmeisterblick. Sie dirigiert die Familienmitglieder mit Diplomatengeschick gekonnt an die Arbeit: ,Heinerich, Du kannst dat so schön!‘. Zu den Festen überrascht man sich mit großen Geschenken, die man ohnehin hätte kaufen müssen, also mit einem Anzug oder Mantel o.ä. Man sagt dann stets pathetisch: ,Dat is mien Mann mi wiert!‘. Bruno (5.1) erinnert sich gern an die zumindest interessanten Geburtstags— und Weihnachtsfeste bei Loring, z.B. wenn man Wermuthwein aus kleinsten Schnapsgläsern trinkt und diese dann kunstvoll mit der Zunge ausleckt. Gekonnt ist vor allem Lores Kuchen; schon die Backzeremonie: "Sied mal all still; ,Mehl‘ hew ick, ,Butter‘ hew ick, ,Zitrone‘ hew ick........ Ach Gott, nu hew ick dat Backpulver vergätent!" Schon wenige Minuten nach dem Genuß des ersten Kuchenstückchens bittet der erste Gast um den Klosettschlüssel, bis schließlich alle unterwegs sind. Bei so viel Gemütlichkeit bekommt schließlich Bruno den Auftrag, den Weihnachtsbaum abzuputzen, wie man hier sagt. "Bruunoo, Du kannst dat so schöön !", sagt Lore in ihrer langsamen gedehnten Sprechweise. —Die Kinder von Heinrich und Lore heißen Maria, genannt Tante Mimi, und Wilhelm, die außer Lore Zielscheibe von Richards (4.1) Spott auf den Festen sind. Er spielt mit Vater und Sohn Skat um 1/10 Pfennig, kann aber beide nur bei Laune halten, wenn er sie gewinnen läßt. Schon 10 Pfennig Verlust wUrden die Bertrams nicht verkraften. Mimi spielt derweil Klavier: ,Blink und blank auf der Gartenbank‘ singt sie nach Hermann Löns. Sie arbeitet beim Einwohnermeldeamt und ist es, die später die Verbindung von Annemarie (5.2) und Bruno (5.1) wiederherstellt. Sie ist viel mehr eine Bolzendahl als eine Bertram und hat frappierende Ähnlichkeit mit Altkommunistin Rosa Luxemburg. Leider stirbt sie sehr früh an Lungenemphysem. Doch ihr jüngerer Bruder Wilhelm, der Tunichtgut, wird alt.
Über Wilhelm könnte man ein Buch schreiben. Als Großmann ist er ganz Bertram, auch in der Knickerigkeit, aber in der Dummheit kommt er wohl auf die alte Bolzendahl. Doch ist er durchtrieben und hat Mutterwitz. In seiner Kindheit muß seine Mutter Lore immer sagen: ,Willem, du lüchst, di steit dat vör de Stirn schräben!‘ Loring kann das leicht feststellen, weil Wilhelm beim Lügen die Mütze bis tief in die Augen zieht. Durch die Volksschule lanziert ihn nicht einmal sein Nachhilfelehrer, Herr Gurk, den Wilhelm oft zur Verzweiflung bringt: ,Nee, he (Wilhelms Klassenlehrer) het dat extra seggt, wi hebben nix up, dat het he extra seggt....‘ (Anschließend wieder obiger Spruch von Loring). Aber sonst kennt sich Wilhelm aus: ,Dieser Hund kriegt bald junge Hünde!‘. Schon mit 12 Jahren hat er eine Freundin und ruft aus dem Fenster: "Heute abend um 8 an der Ecke!". Bei Ausflügen trägt Wilhelm als Kind immer einen Strohhut, eine sogenannte Kreissäge, die dann alle Augenblick mit lautem Klatsch auf das Pflaster fällt, wobei die anderen Kinder nachhelfen. Schwester Mi.mi bekommt bei solchen Ausflügen immer ,Herzweh‘, wie sie sagt. Wilhelm, der infolge von Polypen stark näselt, versucht sich nach erfolgloser Schulzeit genau so erfolglos in mehreren Berufen. Als Kaufmannslehrling geht es nicht gut. Und nicht einmal als aktiven Soldaten können sie ihn gebrauchen. Das will schon etwas heißen. So landet er bei seinem Vater Heinrich auf dem ,Schosterhüker‘. Man läßt die Weltfirma in ,Bertram und Sohn‘ umschreiben. Bald kommt der zweite Weltkrieg, und Wilhelm wird zum Militär eingezogen. Jetzt zeigt er, was wirklich in ihm steckt: Sich anschmieren, blenden und aufschneiden. So schafft er es, zu dem ebenfalls eingezogenen Baurat Klatt, Richards (4.1)Chef im Landeswirtschaftsamt, in die Schreibstube zu kommen. Darum landet er nach beendetem Heldentum durch Klatt als gewichtiger Bürokrat bei Richard (4,1) im Amt — trotz schwachem ABC und Einmaleins. Unverdient bekommt Wilhelm eine nette Frau, Marta Kröpelin, bis nach einigen Jahren der Tag kommt, an dem Wilhelm Massagen verordnet bekommt. Aber man weiß nicht, ob die Masseuse, eine Baltin namens Imogen, ihn an der falschen Stelle massiert hat, oder wieso sonst Imogen von Wilhelm ein Kind erwartet. Wilhelm läßt sich wegen Gefühlskälte von seiner netten Frau scheiden, wird bald aus dem Staatsdienst entlassen, versucht es mit Würstchenhandel auf der Straße und geht nach neuem Mißerfolg aufs ganze: Er klaut die Gewerkschaftskasse und flüchtet mit Imogen nach Ludwigsburg in den Westen. Heinrich stirbt kummererfüllt. Wilhelms geschiedene Frau Marta pflegt noch ein paar Jahre die leidende Eleonore.
Minna heißt Philipps und Marias
viertes Kind, wieder eine echte Bertram. Es erübrigt sich wohl zu
wiederholen, was darunter zu verstehen ist. Sie heiratet Malermeister Trilke
in der Johannesstraße in Schwerin. Sie haben eine Tochter Hedwig.
Ihr Schwiegersohn erinnert sich an Minnas bombastische Worte: "Ich lege
dieses Kleinod (gemeint ist Hedwig) vertrauensvoll in Ihre Hände."
Mit Luise haben die Trilkes wenig Kontakt.
Die letzte und jüngste der Glanzrabentöchter, Auguste, ist in ihren Bertrameigenschaften nicht die geringste. Sie heiratet einen Hinrichs, der aber mit Christian nicht verwandt ist, sondern zu der sogenannten Dallberger Linie gehört. Sein Neffe wird später einmal Brunos (5.1) Amtsvorsteher in Waren (Müritz). Er wird Bruno in der Beamtenbeurteilung einmal bescheinigen, daß er aufsässig und widersetzlich ist, was wohl sogar zutrifft. Doch zurück zu Tante Guste, die mit ihrer Familie in Wismar, Dahlmannstr.18 wohnt. Wie eine Geschäftsfrau ersten Ranges vermietet sie einige Zimmer an arme Studenten, "Akas" genannt. Sie beköstigt sie auch und nimmt sie nach Strich und Faden aus. Diese müssen sogar ihre Fressalienpakete, die sie von Zuhause bekommen, an Guste abliefern und werden obendrein noch zu häuslichen Arbeiten eingeteilt. Doch das Schicksal setzt den Hobel an..... Sohn Ludwig, genannt Louis, ,hett blot Bucksbütelien in‘n Kopp‘. Wenn seine Mutter arme ,Akas‘ ausplündert, warum soll Louis nicht auch klauen und betrügen. Doch er ist noch vielseitiger und beginnt seine Karriere schon als Kind als Feuerleger und übt später einen mehr seinem Kosenamen entsprechenden Beruf aus, soweit er nicht zu brummen hat. Wie dicht alles beieinander liegt, zeigt Heinz, Gustes zweiter Sohn, der ganz und gar nicht kriminell wird, sondern der gefürchtetste Rechtsanwalt der Gegend von nicht zu überbietender Rigorosität. Er geht ,bertramgerecht‘ über Leichen. Äußerlich gleicht er einem "Uhlenküken" und wird wohl darum nicht alt. Nicht zu vergessen ist Tochter Elisabeth, die eine Lehrerin wird und was für eine; eine hemmungslose Egoistin mit nicht zu bremsenden Redefluß. Nur gegen Richard (4.1) hat sie keine Chance. Sobald ihr nach Stunden die Worte auszugehen drohen, stellt er die Frage nach dem Anfang. Sie wiederholt es treu und brav, sooft ,Pipi‘ es anregt, bis seine Frau Martha dem Zusammenbruch nahe ist. So bleibt ,Pipi‘ stets Sieger, und Lisbeth fühlt sich bestätigt und hält Richard für den interessiertesten Menschen. Er lacht innerlich darüber und nimmt keinen der Bertrams allzu ernst.
Jeden Monat wiederholt sich dasselbe Schauspiel um die Hausmieten, die Luise kassiert und an Richard als Hausverwalter übergeben muß, aber sich nach Bertramscher Art nicht vom Geld trennen kann. Da wird dann tagelang gefeilscht: ,Nee, hüt hew ick keen Tid dorför‘,...."Nee, hüt hew ick keen lütt Geld."..... "Nee, hüt künn ick noch nich wesseln gahn."..... Nee, hüt middag har de Sporkass to.... ,Nee, hüt künn ick nich afsluten, wil Kerfaksch saubermaken wull‘...."Nee, nu möt ick ierst töben, bat de Dackdecker hier west ist un sien Räknung kassiert." usw. usw. Richard wird nicht böse, sondern macht jedesmal einen dummen Witz mit ,,Wrucke" bis sie sich geschlagen gibt, aber nur bis zum nächsten Mal.
Luise ist im Grunde sehr häßlich. Sie schaut gern über den Spion am Wohnzimmerfenster die Straße entlang. Alle Passanten werden dann trotz der eigenen Visage in Grund und Boden verdammt:
,,Nee, wenn ick sonn Gesicht har, wür ick mi `n Büx röwer trecken." Die meiste Kritik verwendet sie auf die ledigen Mütter, deren Fehltritt sie — als Mutter von Gucke - überhaupt nicht verstehen kann (Den Splitter beim andern sehen, nicht aber den Balken im eigenen Auge!).
Bei allem ist nicht zu übersehen,
daß Luise unermüdlich bis zu ihrem Lebensende mit 84 Jahren
näht gegen Lebensmittel als Entgelt, mit denen sie die ganze Familie
in der schlechten Nachkriegszeit ernähren hilft. Dafür ein großes
Lob!
3.5 Wilhelm Friedrich Rüchel und Caroline Schmiedeberg (3.6)
Am 5.November 1859 wird Wilhelm Friedrich Rüchel unter zahlreichen Geschwistern — man sagt 12 — in Westdievenow an der Ostseite des Stettiner Haffs geboren. Wie seine Vorfahren wird auch er Fischer. Er lernt es von der Kindheit an, diesem harten Beruf nachzugehen und auch am Strand Netze zu knoten und zu flicken. Man weiß zwar, daß, aber nicht wann er die aus demselben Dorf stammende Caroline Schmiedeberg heiratet. Beide werden sieben Kinder haben, unter ihnen Martin Rüchel (4.3), den späteren Mann von Bertha Stöckmann (4.4).
Hierunter die einzig erhaltenen Bilder von Wilhelm und Caroline. Wann, sie aufgenommen wurden, weiß keiner, sicher nicht anläßlich der Hochzeit:
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Im Alter muß Wilhelm Kühe hüten. Das mag er gar nicht. Er priemt lieber, erzählt ein bißchen und ist dabei sehr humorvoll.
,Nauber‘, so ist sein Spitzname, nötigt auf einer Beerdigungsfeier entgegen seiner sparsamen Wesensart die Gäste zuzulangen, damit man nicht sagen könne, ,Nauber‘ sei geizig. Doch da greift sein noch sparsamerer Vater ein und verbietet ihm das Nötigen:
,,Morgen is ok noch `n Dag.".
Man treibt mit ,Nauber‘ auch Schabernack. Zur Schlafenszeit läßt man ihm einmal auch die Schweine heraus, so daß er in der Unterhose draußen Jagd danach machen muß.
Wilhelm und Caroline sind durchaus reinlich, ärgern sich aber trotzdem darüber, daß der Besen vom Fegen so strapaziert wird, und meint, daß man sich das auf die Dauer nicht leisten kann. Dennoch erinnert man sich, daß Caroline ihr Altenteil immer ganz prima in Ordnung hat.
Zur Kirche muß Nauber immer alleine gehen, weil Caroline dafür nichts übrig hat. —Viel mehr können Oma und Opa Rüchel (4.3 und 4.4) über Annemaries Großeltern nicht erzählen.
Nauber wird 71 Jahre alt und stirbt in seiner Heimat. Caroline überlebt ihn um zwei Jahre.
Ihr Sohn Martin ist nach seiner Schulzeit nicht mehr lange zu Hause. Zunächst wird auch er Fischer und dient dann bei der Marine, bis ihn sein Weg zu Bertha Stöckmann (4.4) nach Saleskerstrand führt.
3.7 August Stoeckmann und Mathilde Treptow (3.8)
Der am 1.Oktober 1849 geborene August Stoeckmann wird, wie wir schon hörten, in der Landwirtschaft seiner Eltern George und Christine Stoeckmann in Saleskerstrand groß und heiratet erst mit 36 Jahren die 16 Jahre jüngere Mathilde Treptow aus Saleske. Wir sehen sie auf dem Foto von der Hochzeit ihrer ältesten Tochter Anna:
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Mathilde Treptow (3.8) lernt August als l5jähriges Mädchen beim Kiefernpflanzen kennen. Er tauscht schon damals ihre schwere Harke gegen eine leichtere um und erkennt, wie eigen sie doch ihre Arbeit macht. Vier Jahre später sind sie verheiratet. August hat einen guten Griff getan. Mathilde bringt die Landwirtschaft auf dem Strande wie nie zuvor in Schwung, läßt sich aber auch von keinem dreinreden. Sie ist offen und energisch und gerade deshalb bei jedermann hochgeachtet. Ihre Spezialität ist Handarbeit. Darin gibt sie sogar Unterricht. Die langen Winterabende werden genutzt, um zu spinnen und zu stricken. Auch der Flachs wird selbst verarbeitet, im übrigen Jahr die schwere Arbeit, dem schlechten Boden das tägliche Brot abzuringen.
Zu dieser Zeit gibt es auf dem Strande nur 4 Eigentümer. Die anderen sind alle Pächter des Gutsherrn. August und Mathilde haben 7 Kinder. Die Älteste —Anna— wird Gutsmamsell in Saleske. Albert stirbt früh. Gerhard und Erich werden Lehrer. Max bringt es bis zum Studienrat. Bertha übernimmt später zusammen mit Martin Rüchel die eigene Landwirtschaft, während die jüngste Tochter Frieda Gotthold Zoch heiratet, der in Altdöbern in der Niederlausitz eine Landwirtschaft hat.
Im Alter bekommt Mathilde ein schweres
Krebsleiden und hat ein langes Krankenlager. Enkelin Annemarie (5.2) mag
sie sehr. August leidet unter offenen Beinen. Auf seinen Wunsch jinn schenkt
der Gutsherr von Below den Strändern einen eigenen Friedhof, auf dem
August im Jahr 1922 als erster begraben wird. Es ist ein wunderschöner
Platz, auf dem auch Mathilde 16 Jahre später nach arbeitsreichem Leben
begraben wird.
Die Großeltern von Kai, Rita und Jan
4.1 Richard Wöhl und Martha Hinrichs (4.2)
Der 1891 geborene einzige Sohn von Wilhelm und Friederike Wöhl (1.1 und 3.2) besucht wegen seiner guten Begabung die Schweriner Bürgerschule, ist aber in den letzten Schuljahren so faul, daß er vor der mittleren Reife abgehen muß. Die Lehre bei Zigarrenhändler Barth erweist sioh als ein Flop. Da steht in der MZ (Mecklenburger Zeitung), daß Rechtsanwalt Löwenthal, ein Jude, einen gewandten Schreiber sucht. Richard wird bei ihm einer und kann sich nach einigen Jahren bei der Mecklenburgisch-Lübeckschen Lebensversicherungsbank qualifizieren, wo er es bis zum Abteilungsleiter bringt. So gilt er für Martha Hinrichs, die Tochter von Christian und Luise (3.1. und 3.2) durchaus als gute Partie. An seiner Rückratverkrümmung stört sich kaum einer. Auch Luise, seine Schwiegermutter, mag ihn. Und seine Eltern bemängeln nur, "dat Martha nich arbeiten liert hett." Allerdings sind die Zeitumstände nach dem ersten Weltkrieg alles andere als rosig. Lebensmittel sind knapp. Der Geldwert sinkt immer tiefer. Durch die Inflation rechnet man nur noch mit Millionen— oder Milliardenbeträgen. Dennoch bekommt man den nötigsten Hausrat zusammen und kann zunächst in einem Mansardenzimmer in der Rostocker Straße
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wohnen, bis man schließlich eine Wohnung bei Maurermeister Stein in der Johannesstraße 11 bekommt. Dort oben in der Zweizimmerwohnung im zweiten Stock wird Bruno (5.1) geboren und soll das einzige Kind bleiben. 1924 endlich gibt es das erste Festgeld. Richard und Martha kaufen dafür -ihrer optimistischen Lebensauffassung entsprechend— eine Gans, denn Gänsebraten muß man seit Jahren entbehren. Doch das böse Erwachen kommt:
Richards Lebensversicherung geht pleite als Inflationsfolge. Doch Richard ist nicht lange arbeitslos, sondern bekommt mit Hilfe von Onkel August, dem großherzoglich geheimen Oberhofkabinettskanzlisten, einen Schreiberposten bei dessen Sohn, dem Amtmann Hans Bertram mit dem Goldenen Sportabzeichen, in der Landesregierung. Dort regiert ein Berufssoldat der alten Schule über die Schreiberlinge. Richard kann zwar gut schreiben, aber sich nicht unterordnen. Er schafft die Umstellung nicht und wird darum "weggelobt" zum Siedlungsamt, wo er wieder auf die Beine fällt. So verbessert sich auch langsam sein Einkommen wieder.
Schon in ihrer Verlobungszeit nehmen sich Richard und Martha einen Kleingarten vor dem Wittenburger Tor nahe dem Lankower See. Sie haben daran Spaß, später auch Bruno. Für die groben Arbeiten ist Oma Rieke die größte Stütze. Vielleicht liegt in der Gartenarbeit die Wurzel für die kommenden Probleme.
Als Folge einer Erkältung oder Grippe, die sich Richard im Frühjahr 1930 zuzieht, entwickelt sich bei ihm ein schlimmes Leiden, das man körperliche Nervenschwäche nennt. Wegen Platzangst kann er draußen keinen Schritt mehr allein machen, obwohl die Beine an sich in Ordnung sind. Martha muß ihn zum Dienst bringen und auch wiederholen und auch sonst ständig begleiten. In der Wohnung merkt man gar nichts von dem Leiden. Über 20 Jahre muß er sich bis zu seinem Tod damit quälen, und sie sagt so manches Mal:
"Mein junges Leben welkt dahin..." Ein wenig theatralisch, aber das ist schon eine arge Belastung. Trotzdem ist Richard nicht pessimistisch, sondern immer guter Dinge. 1937 wird die Sache dann kritischer. Um einen weniger weiten Weg zur Regierung zu haben, ziehen Wöhls um in das Haus der ,,Wrucke" in der Rostocker Straße, die nun Adolf Hitler Straße heißt. Bis zum Garten wäre es fortan zu weit. Auch Oma Rieke kann nicht mehr von Vadding weg, weil er einen Schlaganfall gehabt hat. So wird der Garten aufgegeben.
Es ist Nazizeit. Richard glaubt daran und wird schon 1935 Parteimitglied. Bruno muß 1934 in die Hitlerjugend und hat keinen Spaß daran, vor allem nicht an den Sommerlagern, deren Besuch unvermeidlich ist. Bruno besucht das Realgymnasium und verbringt seine Freizeit in der Badeanstalt Kalkwerder, denn als "Dicker" soll er viel schwimmen. Die Alten spielen währenddessen Skat, während die Damen schludern. Es gibt schöne Schwimmfeste und Feiern. Bald geht es zum Tanzunterricht. Onkel Walter Hinrichs, Marthas Bruder, ist jetzt auch in Schwerin, und alles sieht gut aus, weil keiner weiß, wie nahe der zweite Weltkrieg bevorsteht.
Von welcher Wesensart sind sie eigentlich, Richard und Martha? Auf alle Fälle lebensfroh optimistisch und großzügig. Das ist offenbar besser als Riekes Kleinlichkeit und der Bertram Geiz. Schließlich drückt der freundliche Herr Bobzin von der Beamtenbank immer ein Auge zu und gibt einen warmen Händedruck, wenn man ihm einen ungedeckten Scheck vorlegt. Von den Zinsen lebt die Bank nicht schlecht. Politisch geht Richard mit dem Zeitgeist mit, während Martha immer noch der Adel imponiert.
Vielleicht ist es gut, auf den Zeitgeist der 30er Jahre einzugehen, weil man später nur noch die Naziverbrechen in den Konzentrationslägern, besonders an den Juden, in den Vordergrund stellt. Zunächst einmal hatte es nach der Inflation Anfang der zwanziger Jahre als Folge des ersten Weltkriegs einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Aber die Weimarer Republik hatte es durch das eigene Profitgerangel nicht verstanden, die Verhältnisse im Lot zu halten. So waren es 1933 7 Millionen Arbeitlose, durch die die Kaufkraft so verringert war, daß niemand investieren wollte. Da die Banken kaum mehr kreditieren konnten und ohne Sicherheiten auch nicht wollten, blühte das Wucherergewerbe. Aller Geldfluß ging zu denen, die es von der Regierung her zu sich steuerten. Und das waren hauptsächlich die Juden. Mit friedlichen Mitteln konnten die Nazis denen das Kapital nicht wieder abjagen. Der Preis für die Besserung der Verhältnisse in der Nazizeit bestand in verbrecherischen Gewalttaten an den Juden. Eine Alternative gab es nicht, wenn man nicht Gewalttaten der Notleidenden heraufbeschwören wollte. Natürlich stand das Ausland auf Seiten der entmachteten Juden. So war der zweite Weltkrieg vorprogrammiert. Das war eine ganz folgerichtige Entwicklung, die keineswegs allein auf einer schiefen Naziideologie beruhte. Wahrsoheinlich wird sich so etwas kreislaufähnlich wiederholen. Zum Zeitpunkt dieser Zeilen —1987— deutet die hohe Arbeitslosenzahl bereits eine entsprechende Tendenz an..
Wir schreiben nun 1939. Bruno verläßt die Schule und wird mit Hilfe der Skatbrüder von Kalkwerder gegen seinen Willen zur Post verkuppelt, aber vielleicht soll das gar nicht so verkehrt sein, denn schon im September dieses Jahres bricht der zweite Weltkrieg aus. Marthas Bruder Walter wird sogleich Soldat, während Bruno noch bis 1941 Zeit hat, um seine Postausbildung ziemlich zu beenden. Richard wird ins Landeswirtschaftsamt umgesetzt, um die Rationierung von Benzin und Öl zu organisieren. Anfangs zur Zeit der siegreichen Schlachten leiden die Wöhls nicht allzu sehr unter dem Krieg. Das wird erst in seiner zweiten, nicht mehr ganz so siegreichen Rückzughälfte anders. Gemeinsame Wochenenden mit Walter und Bruno gibt es nicht mehr, denn Walter kommt nach Rußland, Bruno nach Frankreich. Bruno kehrt bald nach dem Krieg heim, Walter wird hingegen bei Palkenburg in Pommern vermißt.
Bei Kriegsende rücken zunächst die Amerikaner als Besatzung in Schwerin ein und benehmen sich noch einigermaßen zahm, aber im Juli 1945 kommen dann die Russen und verhalten sich barbarisch. Plündern, rauben, morden und vergewaltigen sind noch lange an der Tagesordnung, dazu die Geheimdienstmethoden mit der Bespitzelung. Darüber hören wir im Zusammenhang mit Bruno (5.1) mehr, er hat nun mit Tante Mimis Hilfe Annemarie (5.2) wiedergefunden. Es gibt bald "Chausseegrabenhochzeit", wie Richard sagt, in Feldberg, wo Bruno Amtsvorsteher bei der Post ist und Annemarie die Fernsprechvermittlung bedient.
Die Deutschen bewältigen nun die Nazivergangenheit durch Entnazifizierungsverfahren und machen es — wie immer - 150%ig. Richard wird als Parteimitglied aus dem Staatsdienst entlassen, kommt aber noch einmal bei der Handwerkskammer als Bürokrat wieder unter. Bruno und Annemarie müssen schon Anfang Juni 1946 in den Westen flüchten. Nun ist Richards optimistische Geisteshaltung stark angeknackst, was sich entsprechend auf das körperliche Wohl auswirkt. So stirbt er schon am Gründonnerstag 1952. Martha pflegt noch zwei Jahre ihre Mutter und Schwiegermutter. Für Rente ist sie noch zu jung. Sie muß das Haus verkaufen und siedelt 1955 zu Bruno und Annemarie in den Westen über. Dort sind ihr noch 25 Jahre beschieden, die sie gut für Reisen und Zusammenkünfte zu nutzen weiß. Doch sie ist unruhig und zieht noch von Düsseldorf nach Neuss zu Frau Kempke, ist danach fünf Jahre in Lübeck und die restliche Zeit wieder in Düsseldorf in eigener Wohnung. Im April 1980 stirbt sie an Durchblutungsstörungen im Bein. -Zum Schluß noch Fotos von Martha und Richard. Sie sind in den vierziger Jahren aufgenommen. Richards Gesichtsausdruck ist schon von seiner Krankheit gezeichnet.
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4.3 Martin Rüchel und Bertha Stöckann (4.4)
Wir beginnen die Ausführungen über Martin und Bertha mit deren Hochzeitsfoto:
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Martin und Bertha treten nun doch die Nachfolge auf dem Strand an, und Mutter Mathilde muß als Altenteilerin ihre Herrschaft aufgeben, so schwer es ihr auch fällt. Martin fühlt sich von ihr oft erniedrigend behandelt. Der ohnehin zum Explodieren veranlagte Mann fährt dann aus der Haut. Weitere Probleme wie Geldnot begünstigen ein glückliches Eheleben ganz und gar nicht, zumal Geld für Martin viel bedeutet. Bertha ist zwar selbstlos und wirtschaftet gut, aber viel Pech in der Wirtschaft macht es zwingend nötig, daß Martin zusätzlich nach Stolpmünde arbeiten fährt. 10 km An- und Abfahrtsstrecke bei jedem Wetter auf schlechtem Weg sind allein schon eine Leistung. Die Kühe bekommen, wenn sie eine bestimmte Pflanze fressen das Rotnässen, geben dann kaum mehr Milch und verenden zumeist. Auch die rohrgedeckten Gebäude verlangen hohe Aufwendungen.
Drei Kinder werden geboren: Ernst, Georg und Annemarie (5.2). Sie wachsen schon mit dem Ernst des Lebens auf. Die Jungen gehen fischen, und Annemarie hilft ihrer Mutter sehr bei der Versorgung der Tiere. Für den Verkauf der Fische ist Georg der beste Geschäftsmann, während Ernst dafür zu gutmütig ist und sie lieber verschenken würde. Natürlich sind auch die Schulverhältnisse in dem kleinen Dorf mit der einklassigen Schule ungünstig. Aber die Jungen sind strebsam und schaffen sich durch Abendkurse usw. eine sehr gute berufliche Grundlage. Leider kehren beide aus dem zweiten Weltkrieg nicht zurück. Die schmächtige Annemarie soll ihr Leben nicht länger mit Wasserschleppen und anderen schweren Arbeiten verbringen. Es gelingt, sie bei der Post unterzubringen in der Fernsprechvermittlung. Die anderen Stränder sind darauf sehr neidisch und verringern ihre Hilfsbereitschaft gegenüber ,Kräugers‘, wie die Familie immer noch genannt wird.
Der zweite Weltkrieg geht zu Ende. Die Russen rücken aucch in Saleskerstrand ein und benehmen sich wie die Barbaren, aber immer noch nicht so schlimm wie die nachrückenden Polen. Martin und Bertha wollen nicht flüchten ins Ungewisse. Sie sind froh, daß Annemanie die anhaltenden Missetaten der Russen und Polen auf dem Strand nicht erleben muß. Sie ist in Stettin und flüchtet von dort in den Westen. Leider ist die Verbindung für lange Zeit abgerissen. 1947 haben sich die Polen in Pommern so weit etabliert, daß sie die restlichen Deutschen ausweisen. Vielleicht sind Martin und Bertha auch gar nicht mehr so böse über ihre Ausweisung, weil die jahrelang anhaltenden Grausamkeiten, Gemeinheiten und Demütigungen zermürben, aber es ist schon hart, die heimatliche, schweißgetränkte Erde verlassen zu müssen, um in der Fremde aus dem Nichts eine neue Zukunft aufzubauen. Schließlich sind sie nicht mehr die jüngsten. Mutter Bertha erzählt später ihre Erlebnisse mit dem Russen und Polen oft. Sie vergißt es auch nicht zu würdigen, wie tapfer sich Martin oft zur Wehr gesetzt hat. Ihre Ehe ist jetzt nicht mehr so voller Spannungen.
Eine neue Bleibe finden Martin und Bertha bei Berthas jüngster Schwester Frieda in Altdöbern. Diese hat dort eine Landwirtschaft. Ihr Mann Gotthold Zoch ist leider in den letzten Kriegstagen noch gefallen, aber mit ihrem zweiten Mann, Wilhelm Grieger, wird sie noch sehr glücklich. Die älteste Schwester Anna, die auf dem Gut Saleske Mamsell war, ist mit Martin und Bertha auch mitgekommen. Sie wirtschaften nun alle in Altdöbern in der Niederlausitz. Vater Martin geht noch bis weit über das Rentenalter hinaus arbeiten, so daß sie den Griegern nicht zur Last liegen. Leider können Annemarie und Bruno den Alten keine Bleibe und Hilfe bieten, weil sie selbst noch als Flüchtlinge in Taarstedt leben und Bruno noch nicht wieder bei der Post ist.
Frieda hat aus erster Ehe zwei Töchter: Annemarie und Christel. Annemarie heiratet Alfred Hoppe, wird geschieden, heiratet dann Hermann Krause, wird erneut geschieden und lebt endgültig in Berlin, ohne daß sie sich von Hermann ganz trennt. Christel heiratet Heinz Aberspach. Beide haben studiert und haben hohe Posten in Berlin, er als Dozent, sie im Ministerium. Ihre drei Kinder heißen Gabriele, Bärbel und Ralf. Annemaries Kind Evelyn wächst bei der Oma in Altdöbern auf und heiratet den Maurer Gerd Lau.
Berthas Bruder Max, der bis zum Zusammenbruch Studienrat in Stolp ist, wird ebenso wie sein Sohn Siegfried nach Rußland verschleppt. Beide kommen nicht zurück. Maxens Frau Marie lebt noch bis 1980 in Berlin.
Berthas Bruder Erich Stöckmann war schon im ersten Weltkrieg in russische Kriegsgegangenschaft geraten. Unter abenteuerlichsten Umständen gelang ihm damals die Flucht über tausende von Kilometern. In Bad Polzin ist er bis zum 2.Weltkrieg Rektor. Im Krieg bringt er es bis zum Major. Mit seiner Frau Marie hat er zwei Töchter: Ruth, das besonders schöne Germanenmädchen, und Dietgart, die beide in Westdeutschland heiraten. Ihre humorvolle Mutter Maris bekommt ein schweres Augenleiden und stirbt unter sehr tragischen Umständen. Erich, der charmante Sechziger, fühlt sich noch rüstig genug, um eine viel jüngere Lehrerin zu heiraten, aber bald stirbt er an Krebs.
Der dritte Lehrerbruder Gerhard ist mit seiner Frau Erika und seinen beiden Kindern Hans—Dieter und Gudrun bis zum Krieg in Radensfelde ansäßig, später in Göttingen. Hans—Dieter wird Studienrat, stirbt aber früh, während Gudrun als "Puddinglehrerin" nicht einmal ihren Dienst aufzunehmen braucht, denn sie heiratet Kais Lehrer Gerd Bierbaum und hat mit ihm vier Kinder: Axel und Enno sowie die beiden älteren Mädchen Ulrike und Heike.
Bruder Paul Stöckmann wird Förster in Strachmin (Pommern). Mit seiner Frau Gertrud muß auch er flüchten und in Erfde in Schleswig—Holstein eine neue Heimat finden, was ihm, der besonders heimatverbunden ist, sehr schwer fällt. Der Sohn kehrt aus dem Krieg nicht zurück, während Tochter Waltraut zwar Lehrerin wird, aber bald krankheitshalber vorzeitig zur Ruhe gesetzt werden muß. Sie lebt in Kayhude bei Ahrensburg.
Berthas Bruder Albert erlebt nur die Wirren des ersten Weltkrieges.
Schwester Anna, die Mamsell, heiratet 1913 Max Dabrunz. Der fällt schon in den ersten Kriegstagen. Ihr Sohn Kurt wird Förster in Liepgarten bei Ückermünde und heiratet Inge Hamm. Sie bekommen einen Sohn Eckhard. Anna bleibt bis zum Zusammenbruch auf dem Belowschen Gut in Saleske und schließt sich dann Martin und Bertha an.
Über Martins Geschwister kann man wegen dess geringen Kontaktes kaum etwas berichten. Seine Brüder August, Daniel und Wilhelm bleiben als Fischer zunächst in Dievenow, heiraten dort und flüchten mit ihren Familien 1945 nach Kölpinsee auf Usedom. Wilhelm hält die Stellung in Westdievenow.
Martins Schwester Therese, die seit dem 15.Lebensjahr in Berlin arbeitet, heiratet dort einen Mann, der sie um ihr Geld bringt, wird geschieden und findet dann in Elektriker Sakolowski einen guten Ehepartner.
Die besonders lustige Schwester Emilie
heiratet nach der Flucht den Zimmermann Albert Schwanz. Sie finden in Schwarzenbek
bei Hamburg ein neues Zuhause. Mehr Informationen sind über die Rüchels
und Stöckmanns leider nicht erhältlich. Die Verwandtschaft ist
in alle Winde verstreut, und der Kontakt reißt ab.
Die Eltern von Kai, Rita und Jan Wöhl, denen diese Chronik gewidmet ist:
5.1 Bruno Wöhl und Annemarie Rüchel (5.2)
Die Kindheitstage sind schon bei der vorigen Generation dargestellt worden.
Mit abgeschlossener Ausbildung als Postinspektor wird Bruno Anfang Dezember 1941 Soldat in Stettin. Annemarie ist auch in Stettin als Angestellte im Fernmeldeamt. Beide begegnen sich am schönen Glambeckses im Norden Stettins. Bruno geht neben seinem Fahrrad zusammen mit seinem Kameraden, Unteroffizier Dust, einem schon kahlköpfigen Frauenhelden, der es nicht lassen kann, ein Mädchen, das in den See blickt, anzusprechen, Annemarie. Der ziemlich schüchterne Bruno hätte das unterlassen. Sie gehen zu dritt zur Straßenbahnendhaltestelle zurück, und es gibt eine Verabredung zum nächsten Morgen 5 Uhr am Glambeck. Ein Treffen in so früher Morgenstunde kann niemand ernst nehmen. Dennoch radelt Dust um 10 Uhr hin, findet sie aber nicht. Das reizt Bruno, auch hinzufahren. Er findet sie dank ihrem untrüglichen Erkennungszeichen, dem roten Beutel mit Knittels ,,Therese Etienne" und einem Wecker drin. Annemarie hat nämlich bei der Post Wechseldienst und muß darum vor der Schicht rechtzeitig geweckt werden, falls sie am Glambecksee einschläft. Aber das weiß Bruno zunächst alles noch nicht. Er setzt sich nur ziemlich stumm und schüchtern neben sie. Da sich wenigstens Annemarie ziemlich ,normal‘ benimmt, erfährt er wenigstens ihre Telefonnummer: 22224 schreibt er auf sein Brillenputztuch mangels Notizbuch. Später sucht er unter großem Zeitaufwand im Telefonbuch, wer diese Nummer wohl haben mag, aber sie steht nicht drin. Beim Anrufversuch meldet sich später die Aufsicht vom Fernamt. So weiß er, daß er es mit einer Kollegin zu tun hat. Beide verabreden sich noch oft und genießen die schöne Natur im Eckerberger Wald und am Glambecksee. Der Tag des Kennenlernens ist der 31.Mai 1944. Trotz Urlaubssperre können sie noch einige Tage zusammen nach Rügen fahren, denn Bruno hat sich diesen Urlaub durch ein gutes Schießergebnis verdient. Mit dem 20.Juli 1944, als es dem großen Führer an den Kragen gehen soll, kommt eine Wende. Für Bruno ist es kein Problem, daß deshalb die Kasernentore geschlossen sind, denn er ist mit Annemarie draußen und geht besser nicht wieder hinein, wie ihm seine Kameraden vom Fenster aus signalisieren. Doch das ist nur ein kurzer Aufschub, denn die Truppe kommt zum Truppenübungsplatz nach Groß Born und anschließend nach Frankreich in die Gegend von Dünkirchen. Nach einigen Feldpostbriefen reißt die Verbindung mit Annemarie ab. Der Krieg geht in sein Endstadium. Annemarie erlebt schwere Bombenangriffe auf Stettin und wird nach Thüringen evakuiert und erlebt bittere Zeiten. Ihr Versuch, sich zum Saleskerstrand durchzu— schlagen, scheitert. An der Elbe gerät sie in höchste Gefahr, kommt aber dann doch endlich zu Tante Frieda in Altdöbern (Niederlausitz). Am 10.April 1945 wird Brunos Truppe in Altena im Sauerland nach glorreichem Rückzug gefangen genommen, aber Bruno gelingt es, in dem Durcheinander auszurücken und mit einem von ihm schnell gestohlenen Militärauto nach Solingen zu fahren. Er wird tatsächlich auf der britischen Kommandantur als Dolmetscher angenommen und leidet zunächst keine Not. Ende Mai 45 treibt es ihn doch, mit einem Fahrrad nach Schwerin aufzubrechen, denn Zugverkehr gibt es noch nicht wieder. Es gibt nur am Elbübergang Komplikationen, aber nach 8 Tagen ist er doch in Schwerin. Einige Monate später bringt Tante Mimi die schon genannte Karte vom Einwohnermeldeamt mit. Vater ,Pipi‘ sagt: ,Dor söcht di woll din Spieß!" —alias Annemarie.
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Im Westen wird Bruno erst fünf Jahre später bei der Post wieder eingestellt. Er verdingt sich als "Radioflicker", wie die Taarstedter sagen. Durch Vermittlung des Arbeitsamtes kommt er auf den Schleswiger Flugplatz Jagel, der von der norwegischen Besatzungstruppe bedient wird. Bruno muß norwegische Soldaten in der Instandsetzung britischer und amerikanischer Funkgeräte unterweisen und die in Englisch gedruckten Anweisungen dazu in großer Menge ins Norwegische übersetzen. Das erfordert erhebliche Sprachenlernerei. Aus der Sicht des Ruhestands ist dies die am meisten befriedigende Zeit von Brunos Berufsleben. Dennoch entscheidet er sich nach fünf Jahren wieder für ein Angebot der Post, in Düsseldorf anzufangen. Annemarie hat die fünf Jahre in Taarstedt als die härtesten ihres Lebens in Erinnerung. Man hat dort nur einen kleinen schlecht heizenden Schneiderofen, sammelt dafür Reisigholz, kocht Roggenmehlsuppe und Brennesselgemüse usw.
Trotz unüberwindlich erscheinender Wohnungsnot in Düsseldorf gelingt es Bruno, auf dem Lande in einem Gutshaus namens Bockdorf in der Nähe von Kempen (Niederrhein) eine Wohnung mit riesengroßen Zimmern zu bekommen. Auch die Post hat ein Einsehen und beschäftigt ihn fortan beim Postamt Kempen. Sohn Kai, der schon in Taarstedt geboren ist, und Annemarie können schon nach 2 Monaten nachkommen. In Bockdorf kommt Rita zur Welt, als einzige, die im Schloß geboren ist. Auch in Bockdorf werden es fünf Jahre. Gegen Ende wird Jan geboren. Bruno ist jetzt in Düsseldorf tätig und wird noch 30 Jahre in der Bezirkswerkstatt für Postkraftwagen bleiben, bis er in den Ruhestand tritt. Die Arbeit bei der Post ist im Grunde ohne Höhen und Tiefen. So ganz froh wird Bruno im Beamtendasein nie."Wegen Aufsäßigkeit und Widersetzlichkeit wird Wöhl voraussichtlich kein guter Beamter!", hatte der entfernt verwandte Amtsvorsteher Hinrichs in Waren(Müritz) 1940 in die Beurteilung geschrieben, und er sollte wohl Recht behalten. Allen späteren Wöhls kann man nur zur Befolgung von ,Größings‘(2.8) Devise raten: "Mit Höflichkeit und Wort und Mien` kommt auch der ärmste durch die Welt.". Viel Ärger mit Vorgesetzten vermeidet man mit Diplomatie und Unterwürfigkeit. Schuld ist wohl das revolutionäre Blut von Hans Wöhl, dem untertänigen Kuhhirten (1.1) mit der Prügelstrafe. Wenigstens hat es nur Rita geerbt.
In Düsseldorf gibt es nach zweijährigem Hin- und Herfahren endlich eine postalische Neubauwohnung. Für Annemarie beginnen nun gute Zeiten. Sie fühlt sich hier sehr wohl, wenngleich natürlich die Pflichten bei drei Kindern groß sind. Außerdem ist Schwiegermutter Martha (4.2) aus der DDR gekommen und bleibt 10 Jahre im Haushalt. Sie paßt sich zwar an, aber will nach Bertramscher Art immer standesmäßig über Annemarie stehen. Sie sticht sie bei jeder Gelegenheit aus, was Annemarie sehr kränkt. Als dann Rita flügge wird, trachtet Martha wieder nach Selbständigkeit, zuerst Neuss, später Lübeck und wieder Düsseldorf in eigener Wohnung. Brunos und Annemaries 29 Jahre in Düsseldorf verlaufen sehr schnell, und sie mögen sich immer noch wie am Anfang. 1980 haben sie sich in Thomm ein kleines altes Haus für den Ruhestand gekauft, setzen es instand und siedeln 1985 dorthin ganz über, als Bruno zur Ruhe gesetzt wird. Der weitere Verlauf wird vom nächsten Chronisten zu schildern sein.
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Politisch ist Bruno sein Leben lang sehr gesellschaftskritisch und kann darum keine der etablierten Parteien ausstehen, weil die Politiker alle nur um den eigenen Vorteil ringen. Aber Hitlers Diktatur hat noch mehr Probleme gebracht, so daß man sie auf keinen Fall zurückhaben möchte. Die perfekte Lösung gibt es für den kleinen Mann wohl nicht. Bruno schielt immer darauf, in welchem Land die Gegensätze zwischen arm und reich groß sind und ständig größer werden, wohlgemerkt durch gezielte Politik. In dieser Hinsicht ist die Bundesrepublik das ungünstigste Land für den Bezieher eines kleinen Einkommens, wenn man von den gravierend unsozialen USA absieht. In den skandinavischen Ländern ist der Kontrast bei weitem nicht so groß und wächst kaum. Darum Brunos große Hinwendung zu den Dänen und Norwegern. Aus diesem Grunde fährt er besonders gern gen Norden mit seiner außerdem versöhnlichen Landschaft.
Über Erfolgserlebnisse freut sich gewiß jeder. Eltern freuen sich au meisten über den Erfolg ihrer Kinder und sind besonders stolz darauf, wenn sie beruflich mit dem Erreichten zufrieden. sein können. Dies ist auch bei Annemarie und Bruno so.
Kai hat mit Geduld, Fleiß und Interesse Informatik studiert und promoviert. In seiner Stellung bei der Bundesanstalt für Arbeit ist er zufrieden.
Rita hat das Apothekerstudium geschafft. und ist nun mit der Berufswahl auch zufrieden. Sie hat die Chance genutzt, eine eigene Apotheke in Hüttenbusch nördlich von Bremen zu eröffnen und ist mit viel Elan dabei. Ihr Ehemann Siegfried O. Stolle ist ein bekanntes Mitglied in der Künstlergemeinde von Worpswede.
Auch Jan ist als Beamter im Wetterdienst zufrieden. Kai hat mit Anne-Marie geb. Kröber eine Familie gegründet und hat vier gesunde Kinder im Haus: Stefan (seit 1999 verheiratet mit Ute Berngruber), Xenia, Saskia und Anina. Weiterer Nachwuchs hat sich bei Rita und Siegfried Stolle mit den beiden Mädchen Mareike und Felitia sowie bei Jan und Rosemarie mit Melanie, Shenja und Raimo eingestellt. Wohlergehen, Gesundheit und Segen unter friedlichen Lebensumständen möge den Kindern und Kindeskindern beschieden sein!
Für den Abschluß dieser
Chronik kann es nichts wesentlicheres geben als einen sehr herzlich empfundenen
Dank an Brunos liebe Frau Annemarie für bisher mehr als vier Jahrzehnte
glücklicher Ehe.
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Die Wöhl / Hinrichs - Linie |
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Die Rüchel / Stöckmann - Linie |
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